Flugzeuge statt weidende Kühe.
In Wittental hatten die Nazis im Zweiten
Weltkrieg
einen
Flugplatz für Militäreinsätze aus dem Boden
gestampft
Badische Zeitung 6. 9. 2014
VON UNSEREM MITARBEITER ANDREAS PEIKERT
STEGEN-WITTENTAL. Eine Viehweide im Dreisamtal wurde im Zweiten
Weltkrieg zur Start- und Landebahn für Militärflugzeuge
umfunktioniert. Dass Ereignisse wie dieses nicht in Vergessenheit
geraten, ist dem Heimatgeschichtlichen Arbeitskreis mit Sitz in
Stegen zu verdanken. In akribischer Kleinarbeit haben es die
Freizeithistoriker geschafft, Interessantes, Wissenswertes und
Aufschlussreiches aus der Region ans Licht der Öffentlichkeit zu
befördern.
Wilhelm Steinhart gehört zu den wenigen Zeitzeugen, die sich noch
an den Bau eines Flugplatzes in seiner Heimatgemeinde erinnern
können. „Plötzlich tauchte der Reichsarbeitsdienst auf und
verlegte den Bachlauf vor dem Schulhaus“,schildert der 1926
geborene Alt-Bauer vom Breitehof, was er während seiner Zeit in
der Schule am Fohrenbühl beobachtete. Dass diese rätselhaften
Aktivitäten zu den ersten Vorbereitungen für eine spätere
Start- und Landebahn in unmittelbarer Nachbarschaft seines
elterlichen Hofs gehörten, konnte er damals noch nicht wissen.
„Höchstwahrscheinlich war es eine geheime Angelegenheit der Nazis,
über die nur der Bürgermeister und einige ganz wenige Eingeweihte
informiert waren“, vermutet Oskar Steinhart, der vor seiner
Pensionierung bei der Gemeindeverwaltung in Umkirch beschäftigt
war. Der heute 74-Jährige beschäftigte sich intensiv mit den
damaligen Geschehnissen rund um den Flugplatz. Stöbern in
verstaubten Archiven, lange Gespräche mit Zeitzeugen und eigene
Kindheitserinnerungen haben den in Wittental geborenen
Hobby-Historiker zum profunden Kenner der örtlichen Verhältnisse
aus jener Zeit gemacht. „Wahrscheinlich sind die meisten
Unterlagen über die Vorkommnisse aus den Kriegsjahren von den
Nazis vernichtet worden“, bedauert Oskar Steinhart. Was er noch
ausfindig machen konnte, hat er für die Nachwelt
niedergeschrieben.
Störende Wassergräben wurden einfach zugeschüttet
Nach den Recherchen von Oskar Steinhart begannen die Arbeiten auf
dem Fluggelände im Jahr 1939. In einem Schreiben vom damals für
die Region zuständigen „Luftgaukommando München“ wurde der in
Freiburg ansässigen Heiliggeiststiftung mitgeteilt, dass die ihr
gehörende Viehweide beim Baldenweger Hof vorübergehend in einen
„behelfsmäßigen Landeplatz“ umfunktioniert werden müsse. Weiter
ließ die Behörde wissen, dass für einen sicheren Flugbetrieb
umfangreiche bauliche Veränderungen auf dem Gelände vorgenommen
werden müssen. Unter anderem war von der Trockenlegung dort
befindlicher Wassergräben die Rede. Mit den Bauarbeiten wurde der
Reichsarbeitsdienst beauftragt. Sollten Schäden entstehen, würde
die Behörde diese vergüten.
In großer Eile wurde wenig später das offiziell als
Ausweichflugplatz titulierte Fluggelände in Sichtweite vom
Gasthaus Falken aus dem Boden gestampft. Der zu dieser Zeit
einzige, im Freiburger Westen gelegene Flugplatz sei zu unsicher
gewesen, wurde als Begründung von offizieller Seite genannt. Die
etwa 900 Meter lange Start- und Landebahn befand sich zwischen der
Villa des heutigen Forstzoologischen Instituts der Uni Freiburg,
dem Baldenweger Hof und dem ehemaligen Schulhaus. Um das Gelände
für den Flugverkehr nutzen zu können, mussten dort mit erheblichem
Aufwand Stromleitungen unter die Erde gelegt werden. Zur raschen
Erschließung des teils unwegsamen Geländes wurden Schienen
verlegt. Die später darauf rollenden Loren beförderten das in
mühsamer Handarbeit ab getragene Erdreich auf nahe gelegene
Schuttablagerungsplätze.

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Vor 70 Jahren wurde. die Baldenweger
Hof-Viila vorübergehend als Soldatenunterkunft für
den dortigen Flugplatz in Beschlag genommen. Heute gehört
das schmucke Gebäude dem Forstzoologischen Institut der
Uni Freiburg.
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Zur Befestigung der für solche Zwecke nicht geeigneten Viehweide
pflanzte man robuste Gräser. Als halbwegs stabiler Untergrund für
die später dort startenden und landenden Flugzeuge der
nationalsozialistischen Kriegsmaschinerie. Störende Wassergräben
wurden einfach zugeschüttet.
Schweres Gerät wie etwa Bagger kamen nicht zum Einsatz. „Die in
Kirchzarten in einer Baracke untergebrachten Arbeitsdienstler
mussten mit Schaufel und Handkarren auf der Großmatten-Wiese
antreten und diese ebnen“, so die Beschreibung eines Zeitzeugen,
die Oskar Steinhart aus dieser Zeit fand. Unweit vom Schulgebäude
am Fohrenbühl wurde kurz vor der Inbetriebnahme eine Antenne für
den Funkverkehr installiert. Die Recherchen der
Heimat-Geschichtler aus Stegen lassen erkennen, dass die Nazis bei
ihrem Objekt für Kriegseinsätze Sowohl auf schützende Hallen für
ihre Militärflugzeuge als auch auf Treibstofftanks verzichtet
haben.
Das Personal für den Flugbetrieb wurde überwiegend in
Privatquartieren und Baracken in nahe gelegenen Ortschaften
untergebracht. Für hohe Dienstgrade wurden die Villa des
Baldenwegerhofs die davor als Mutter-Kind-Erholungsheim genutzt
wurde — und das Gasthaus Falken in Beschlag genommen. „Von
Wittental aus starteten die Nazis in westliche Richtung zu
Spionage-Flügen ins nahe Frankreich“, erzählt Siegfried Thiel. Der
75jährige pensionierte PH-Professor und langjährige Stegener
Gemeinderat gehört zu den treibenden Kräften im
Heimatgschichtlichen Arbeitskreis.
Nicht selten sei es vorgekommen, so Thiel, dass Militärmaschinen
nach ihn Einsätzen über feindlichem Gebieten deutlich mit
erkennbaren Einschüssen zurückgekommen seien. Wie viele Pilot
einer während des Frankreichfeldzuges im Jahr 1940 dort
stationierten Aufklärungsstaffel abgeschossen wurden und sterben
mussten, ist nicht überliefert. Zum Einsatz kamen Flugzeugtypen
wie „Fieseler Storch“, „Arado“-Doppeldecker und die „Ju 52“.
Im Jahr 1956 wurde das Gelände noch einmal für kurze Zeit als
Flugplatz genutzt. Spezialflugzeuge starteten und landeten von
dort für Schädlingsbekämpfung. Wie früher verläuft auch heute über
der landwirtschaftlich genutzten Fläche wieder eine Stromleitung.
Künftiger Flugverkehr ist damit dort ausgeschlossen.
„Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart erkennen und
die Zukunft bestimmen.“ Die Sinnspruch von Laotse haben sich
Heimat-Geschichtler aus Stegen zum Leitspruch für ihr Handeln
gemacht.