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zum Inhaltsverzeichnis Burgen im Dreisamtal

Ranken um Ritter und Ruinen 
Burg Wiesneck und das Dreisamtäler Burgenland     

Um 1495 schuf der Prior der »Dreisamtäler« Kartause, Gregor Reisch, die erste Enzyklopädie des menschlichen Wissens, die Marguerita philosophica. Die Illustration zum Kapitel »Regen« zeigt eine Stadtansicht von Freiburg mit dem Blick ins Dreisamtal, eine Vogelschau über die Dächer der Stadt ins Talland. Dort präsentieren sich die Kartause, Wirkungsstätte Reischs, und die Wasserburg Kirchzarten. Das Tal ist durch die Attribute Kloster und Burg geprägt. 

Reisch Freiburg

Freiburg und das Dreisamtal
Illustration aus Gregor Reischs »Marguerita philosophica« von 1495

Das Dreisamtal als Burgenland anzusprechen überrascht vielleicht selbst Kenner. Nirgendwo im Talrund finden sich ansehnliche Trutztürme oder zeitgezeichnete Mauerzinnen, die auch nur annähernd ein Burgenklima erspüren ließen. Die genaue, unbeirrte Nachsuche erhellt Unerwartetes: 16 Schlösser bzw. Burgplätze hat Eduard Schuster, der sorgfältigste Erkunder badischer  Burgen, in seinem Inventar von 1908 aufgereiht. 

Der Talbewunderer, der auf dem Freiburger Schloßberghügel den klassischen Dreisamtalblick auf sich wirken läßt, steht bereits auf einem Burgplatz, auf dem sich einst eine der schönsten Festungen in Deutschen Landen erhob. Gleich vis-a-vis auf der Gegenhöhe des Kybfelsens stand im Mittelalter eine zweite, bedeutende Talriegelbefestigung; sie gilt als eine der höchstangelegten Höhenburgen und damit als Sonderling ihrer Zeit. 

Wenn der Dreisamtalwanderer sodann in das Talbecken vorstößt, kommt er nach kurzer Wegstrecke hinter Ebnet an den weiten Talmund von Wittental; kaum vermutet er hier eine Burgstelle, den alten Standort von Burg Falkenbühl. Das Wirtschild »Zum Falken« gibt vielleicht den direktesten Hinweis; die unerklärbare gewanngroße Erhöhung mitten im Wiesengrund bleibt unzugänglich-schweigsam. »Von der Burg ist in der Geschichte nicht viel zu finden«, lautet der Kurzbescheid Eduard Schusters, andere Alterwähnungen widmen der früheren Rebenpflanzung am Burghügel mehr Aufmerksamkeit als den »spärlichen Überresten der Burg«. In der Ortsgeschichte von Stegen wird ein Junker Conradt von Falkenbühl genannt, eine andere Urkunde sichert »den Burgfrieden in dem Schloß zu Falkenbühel«. Eine Verbindung derer von Falkenbühl zu den Herrn von Falkenstein gilt als sicher; die Falkensteiner, Lehensmänner der Zähringer, erbauten anfangs des 12. Jahrhunderts ihre Felsenburg im Höllental; nach gängiger Annahme hatten sie ihren Wohnsitz zuvor nördlich  von Zarten am Gebirgsrand. Die Lage des Burghügels Falkenbühl paßt nach umsichtigen Prüfungen vorzüg|ich zu einem Adelssitz im Altsiedlungsland. Andere Deutungen knüpfen an die Wortverwandtschaft »Falkenbühl« und »Falkenstein« an, Fragen bleiben auch hier offen.

Bei solcher Unwegbarkeit verwundert nicht, daß sich manche Sagen um Ritter und Ruinen ranken. Spuklichter erscheinen den Vorbeiwandernden zur Nacht, Gesichter tauchen aus dem Nichts, die sich in Brandfackeln  verwandeln und in Gebrause und Getöse mit dem  Nachklang versinkenden Geldes verflüchtigen. Als ein Hirtenjunge unweit des Bankenbrunnens Wertstücke, die ein Schaf erscharrte, an sich nahm, stellt sich alsbald der Schatzhüter, ein Jäger — oder Ritter? -, der einen  glänzenden Schild von Kupfer trägt, neben den kleinen Landstörer und droht mit bösen Gebärden. Späteres  Nachgraben erbrachte kein Geld, förderte nur »wertlosen« Erzstaub zutage. 

Bei solchem Erkundungsstand bleibt vage, wie man  sich Burg Falkenbühl vorstellen darf. Eine frühe Schilderung zeichnet einen Wohnturm, »einen starken Geviertturm, daneben eine Kapelle und wahrscheinlich etwas Stallung, von einer Ringmauer mit Graben in ovaler Form umzogen, so daß auf der Vorderseite ein kleiner Vorhof gebildet wurde«.

»Aufgebaut und abgerissen, das ist alles, was wir wissen« ist ein alter Liedvers, der solche Burgenrätsel treffend beschreibt. »Aufgebaut und abgerissen« bleibt auch für Burg Falkenbühl offensichtlich das einzig Verläßliche des in die Zeittiefen versunkenen Lebenslaufs. 

Noch vager, noch ungewisser sind die Nachrichten über Burg Neufalkenstein. Adolf Poinsignon belegt die Burg aus dem Archivgut. »Walther von der nüwen Valckenstein zu Capelle« verkauft das Gut Kappel an  die Freiburger Kommende des Deutschen Ordens. Josef Bader will die Burg nahe der unteren Gemarkungsgrenze Kirchzartens am linken Ufer des Krummbachs geortet haben, dort, woin den meisten topographischen Karten die Bezeichnung »ehemaliges Schloß« eingetragen iSt.Ein rätselvoller Gewanname »Klösterle« kommt hinzu. Immerhin gibt es einfühlsame Geländebeobachtungen:

»An der Stelle, wo das ehemalige Schloß gestanden haben soll, erhebt sich in einem Kreis von 50 Schritten Durchmesser der Rasenboden etwa 1 m hoch aus der weiten Mattenebene. Das von diesem Ring eingeschlossene Terrain ist vertieft und von gleichem Niveau wie das außerhalb des Rings liegende Gelände. Der Platz wäre gut gewählt für eine Burg, denn er bildet den höchsten Punkt der weiten Talfläche zwischen den beiden alten Straßen von Freiburg nach der Falkensteig und nach dem Oberrieder Tal. Der Weiher, der etwa die Burg umgab, fand reichliche Speisung aus einem hart nebenan vorbeifließenden Seitenarm des während des ganzen Jahrs nie trocken liegenden Krummbachs.«

Weitere Dreisamtalburgen hüllen sich in den dichten Nebel geschichtlicher Unzulänglichkeit. Am Galgenbühl bei Burg ist selbst in neuesten Wanderkarten der Hinweis »ehemalige Brandenburg« vermerkt. Eduard Schuster beteuert bereits 1908, »daß davon keine Spur zu finden ist«. Poinsignon beschreibt dagegen vor rund 100 Jahren »auf dem Köpfle« vor dem Galgenbühl erkennbare Fundamentmauern eines ehemaligen Turmes und berichtet vom Hörensagen weiterer Mauerreste auf dem nördlich anschließenden Bergkegel. Er sieht jedoch selbst gewichtige Zweifel: 
»Für beide Bauten kenne ich keine urkundlichen Belege, die Benennung »Brandenburg« beruht auf keinen geschichtlichen Unterlagen, da es eine Burg Brandenburg  in dieser Gegend niemals gegeben hat. 

Offenbar steht die Benennung in Beziehung mit der sagenhaften Stadt Brandenburg, welche die nimmerruhende Fantasie des Volkes erst in unserem Jahrhundert, als die gelehrten Hypothesen von Tarodunum unverstanden zu ihm drangen, eigens errichtet hat. Der Name Brandenburg, der vor 80 Jahren noch ganz unbekannt in unserer Gegend war, ist durch Vereinigung der beiden  Hofgemarkungen Brand« und »Burg« erst in der Mitte unseres Jahrhunderts im Kirchzartner Tal  aufgekommen.« 

Noch haben die Burgenforscher nichts entschieden; Andeutungen reichen vom Römertum bis zum vermuteten Stammsitz der Herren von Weiler, die im »Rotolus Sanpetrinus« genannt werden. Das Resumee einer Besichtigung von 1936 bleibt vage:
»Heute ist noch eine deutlich sichtbare Burganlage zu erkennen mit künstlich eingeschnittenem Graben und oben auf dem Kegel eine viereckige Anlage von 4-5 m im Geviert. Auf der einige Minuten entfernter und höher liegenden Kuppe läßt sich wohl auch eine alte Burganlage vermuten, doch bestimmte Anhaltspunkte sind nicht mehr zu erkennen. Der Fernblick von diesem Punkt ist allerdings einzigartig.« 

Wieder schallt das Lied über den Burghügel: »Aufgebaut und abgerissen, das ist alles, was wir wissen!« 

Nicht zu lokalisieren sind die in Berainen und Dingrodel erwähnten Burgen von Dietenbach und Wittelsbach. Das Inventar der badischen Kunstdenkmäler vermutet auch in Oberried einen weiteren Burgplatz, ohne Anhaltspunkte zu geben. In St.Wilhelm sind Gebäudereste neben dem vorderen Meierhof verbürgt; sie gelten als Burgsitz des Herrn von Thengen oder entstammen dem ersten Klosterbau des Wilhelmitenklosters aus dem 13. Jahrhundert. Bekannt ist, daß die Wilhelmiten im 30jährigen Krieg ihre Habseligkeiten, Wertsachen und Urkunden in einen festen Turm in St.Wilhelm flüchteten, ihr Hab und Gut aber dennoch verloren, weil Verräter den versteckten Platz den Schweden preisgaben. 

Von anderen Burgen und Schlössern berichtet die Sage. In der Bergrippe zwischen Höllental und Zastlertal liegen die Höhen Roteck und Schwarzeck nicht weit voneinander, beides sagenumwobene Burgstellen. 

Noch grausamer und verruchter als andere Schänder zeichnet die Überlieferung den letzten Burgherren von Roteck. Er soll in frevlerischer Quällust die Dorfbewohner aus dem Tal in seine uneinnehmbare Feste hoch über  Felsen geladen haben, um sie nach prunkender Bewirtung auf einer kleinen Außenkanzel, als »Rosengarten« verschönt, am gähen Absturz auszusetzen. Die Qualen des Hungerns wogen die Angst vor dem sicheren Absturz über den Felsenschroffen in den darunterliegenden See auf; lebend kam so oder so keiner der Gäste davon. Eines Tages aber schwang sich ein nach gleicher heuchlerischer Art verköstigter und dann in den Rosengarten verstoßener Bursche wagemutig über die Felsen hinweg, noch ehe der Hunger seine Kräfte verzehrt hätte. Er stürzte in den See, versank und wurde von einem wohlgesonnenen Wassergeist ans Ufer getragen; dieser riet ihm, sich zu verbergen, bis daß er mit Horden auftauchender Reiter das Schloß werde rächend zerstören können. Innert 14 Tagen erschienen die fremden Ritter und erstürmten mit übersinnlichen Kräften das Schloß und zerstörten es zur Unkenntlichkeit. Der Burgherr selbst stürzte sich über den Rosengarten hinab. Da wurden Schloß und Garten und See von der Erde verschlungen, und auch die Ritter verschwanden wieder. Selbst das vom Unhold befreite Dorf ist inzwischen versunken. Flache Seen und Feuchtstellen gab es nach alten Karten noch lange bei Oberried, und vielleicht haben Ortsbezeichnungen wie »Schloßfelsen« im Zastlertal und »Kasteleck« am Weilersbacher Taleingang das Spiel der Fantasie beflügelt. 

Auf der Gegenseite des Rotecks gegen das Höllental stößt der Wanderer nahe der Bildtanne völlig überraschend auf verbröckelte Steine, auf einen Haufen versteckter Trümmer. Hier stand allerdings kein Schloß, sondern ein ehemals besuchter kleiner Wallfahrtsort, die Kapelle Schwarzeck. Sie soll an die Errettung eines  Kindes erinnern, das sich hoch oben oberhalb des Schulterdobels verlaufen hatte und 3 Tage und 3 Nächte unter einem Felsen aushielt, wo es jeden Morgen von einer weißbekleideten Frau besucht und mit Essen versorgt wurde. Die Bauern der Umgebung sollen noch 1880 treulich versprochen haben, die Kapelle wieder aufzubauen. Von einer Burgstelle am Schwarzeck ist nichts zu finden. 

Nicht alle Dreisamtäler Burgen und Schlösser sind so wenig zugänglich. Das barocke Herrenhaus Ebnet erklärt seine Baugeschichte freimütig, und der Gebäudekomplex der Kartause, die zuletzt den Adelsfamilien von Baden und von Türckheim als Wohnschloß diente, sperrt sich nicht gegen aushorchend tiefe Blicke der Talhistoriker.

Das ansehnliche Wasserschloß der Talvogtei Kirchzarten fällt besonders von Freiburg her dem Besucher ins Auge, ein eckiger, dreigeschossiger Bau in Hufeisenform, von schmucklosem Stil und massig-monumentalen Proportionen. Selbst auf der Schauseite bleibt das Gemäuer mit seinen bescheidenen Fensterflächen verschlossen und abgekehrt. Im Innenhof steht als einzige Zierde ein achteckiger Treppenturm mit der rhythmisch spannungsvollen Gliederung der schrägen Fenstergewänder im Takt des aufsteigenden Spindels. Die Wassergräben um das Schloß, schon auf der Talansicht Gregor Reischs von 1495 hervorgehoben, sind längst verschüttet und nicht mehr zu erkennen. Der Türsturz am Treppenturm bietet mit der Jahreszahl 1621 historische Hilfe, ein Wappenpaar Österreich-Freiburg deutet Größeres an. Der historische Zutrag über das Gebäude    beginnt sogar schon im 13. Jahrhundert mit Nachrichten eines Burgsitzes verschiedener Ortsherren von Kirchzarten, unter ihnen der Familie von Falkenstein. Das scheinheilig-schlichte Talschloß verdient jedoch histotische Aufmerksamkeit als Amtssitz des stadtfreiburgischen Talvogts, als städtischer Verwaltungskopf im Dreisamtal in den Jahren 1497 bis 1806. 

Talvogtei Lederle
Die Talvogtei in Kirchzarten Federzeichnung von F. Lederle (1887)

Ein weiteres, nach dem Verfall des Ringgrabens fast unkenntliches Wasserschloß verbirgt sich im Schloßgut  Birkenreute in der kleinen Talbucht zwischen Giersberg und St.Johannisberg. Schloß Weiler zählt ebenso zu den unscheinbaren Herrensitzen des Dreisamtals mit dem zurückgezogenen Auftreten einer wohlhabenden Parkvilla.

Volkskunde und Sagenwelt beschäftigen sich umso lieber mit den Felsenhorsten, den schaurigen Burgruinen von Burg Falkenstein im Höllental oder der Wilden Schneeburg im hinteren Bruggatal oberhalb Oberried. "Der karge, gänzlich verrottete Ruinenrest Falkensteins  bietet vielfachen Stoff für großartige Geschichten der mittelalterlichen Lehens- und Lebenskrisen des Ritterstandes. Als »feurige Männer« umziehen die Ritter nach der Sage um Mitternacht das Schloß, den »Schauplatz ihrer Verbrechen«. Der Ausblick von den Zinnen des Burgfelsens bietet eine raubvogelmäßige Sicht auf das quirrlige »Menschenklein« im Talgrund; das Ruinenfeld ist über die Jahrhunderte zu Geschichtsstaub zerfallen. Vom Dichter Johann Georg Jacobi stammen die versonnenen Verse eines romantischen Burgreims:
»Da, wo die stolze Burg, verheeret, 
auf kahl gewordnem Felsen steht, ... 
Und auf zerbrochner Zinne, wild, 
Der Geier seinen Raub verzehret,
Da kehrten einst die Freuden häuslich ein.
Ihre Zinnen sind zerfallen
Und der Wind streicht durch die Hallen! ...« 

Schneeburg_Lederle
Der Schneeberger Hof mit der Ruine der Wilden Schneeburg
Kreidelithographie von F. Lederle (1884)

Nur rund 500 m talabwärts befand sich auf gleich schwindelerregender Felsenhöhe eine zweite Burgstelle, die Trümmer verraten allerdings bescheidenere Ausmaße. Hier befand sich eine Vorburg von Burg Falkenstein, ein Wachtturm, Bubenstein genannt, der mit der benachbarten Hauptburg in enger Beziehung stand und deren Schicksal teilte. Die exponierte Steillage direkt oberhalb der Höllenschlucht läßt auch heute noch die Bedeutung der alten Paßbefestigung ahnen, die spärlichen Überreste geben jedoch keinen Anhalt mehr vom wehrhaften Anblick der Doppelburg Falkenstein und  Bubenstein.    

Ein anderer »Abenteurerstreifen« schildert Stolz und Sturz der Wilden Schneeburg im Oberrieder Tal bruggauafwärts nahe St.Wilhelm. »Räuberschloß«, »Räuberfelsen« heißt eine Felsnadel oberhalb des Schneeberger Hofs, schon der Name regt zu allerlei Fantasien an. An dieser das Tal abriegelnden Engstelle mag im 13. Jahrhundert zur Hut des Bergbaus und zur Überwachung des »Silberwegs« von Todtnau und dem Schauinsland nach Freiburg eine Schutzburg entstanden sein. »Einsam und wildschön« wird die Lage geschildert, aber niemand würde die Burg nach Augenschein finden, gäbe es nicht die handfesten Beweise wie die Urkunde von 1302, die »die neue und wilde Schneeburg« bezeugt. Vermutungen suchen die Burggründer im Kreis der Freiburger Patrizierfamilie Snewlin, aber selbst neuere Forschungen haben das Dunkel kaum erhellt. Die Burg stand bald im Besitz einer Familie Kolmann, ein Geschlecht, das zu Unrecht längere Zeit zum Stamm der Snewlin gerechnet wurde. Die »Pseudo-Snewlin« Kolmann waren die »Eisen- und Kohlenbarone« des Dreisamtals. Allerlei Querelen zwischen den Rittern und den Mönchen des Klosters St.Wilhelm deuten sich an; mit verkehrt herum aufgenagelten Hufeisen sollen die »Schlaumeier« des Klosters mitunter die Schneeberger Ritter getäuscht haben; tatsächlich umgingen die Mönche wohl gelegentlich den Talweg, der an der Wilden Schneeburg vorbeiführte, auf einem Schleichpfad über die Höhen des Ochsenlägers, der dann auch später noch »Pfaffenweg« genannt wurde.

Ernsthafte Kontroversen sind 1300-1315 zwischen der Familie Kolmann und der Stadt Freiburg belegt. Die Schneeberger geraten ins Zwielicht, als sie Bürger von Offenburg und Gegenbach abfingen und einkerkerten. Der Fall wird durch eidliche Versöhnung, Urfehde, bereinigt. Aber schon 1314 bildet sich eine neue Großallianz breisgauischer Adliger, unter ihnen Graf Konrad von Freiburg, mit den Bürgern der Stadt gegen die Kolmann-Brüder von der Wilden Schneeburg. Als einer der beiden in städtische Gewalt fällt, preßt ihn der andere durch Geiselnahme Freiburger Kaufleute frei. Ein nochmalig geschlossener Friede hält nicht. 1315 rotten sich die Freiburger aus irgend einem Anlaß zusammen, ziehen ins Bruggatal und nehmen die Wilde Schneeburg ein, wobei ein Verteidiger tödlich verletzt wird. Sagen schmücken den Vorfall aus: Eine Magd soll durch Zeichen verraten haben, daß die Herren genüßlich bei Tisch säßen und daher Gegenwehr nicht zu erwarten wäre. Der »Auslöser« des Exekutionsgangs blieb dunkel. Die Freiburger aber haben sich mit ihrem spontanen Handstreich offensichtlich in flagrantes Unrecht gesetzt, ein Schiedsspruch verurteilt sie, den verwüsteten Besitz zum unversehrten Wert zu übernehmen; selbst der Verlust des Knechts und das erbeutete Gut sind in der Entschädigung zu berücksichtigen. Die schöne Mär vom »Raubritterunwesen« der Kolmann zerrinnt damit in ihren Hauptanklagepunkten. Das Augenmerk richtet sich vielmehr auf die neuartige Erscheinung einer aggressiven städtischen Umlandpolitik. Mutmaßungen einiger Dreisamtalforscher suchen den wahren Grund des Zwists in kleinkrämerischen Umgehungen des städtischen Durchgangszolls und im neuen Herrschaftsstreben der Stadt. Für Freiburg war der teure Entschädigungsfall seltsamerweise kein »schlechtes Geschäft«, sondern der Anstoß für den Zusammenkauf eines ganzen Territoriums, zum Erwerb der Herrschaftsgebiete des Klosters St.Märgen und des Kirchzartner Banns. Die Wilde Schneeburg hat bei jener Zerstörung vom Jahr 1315 außer wenigen mörtelverbackenen Mauersteinen nichts Sichtbares hinterlassen. Die Erzählungen von Raubrittertum und Wegelagerei fanden im 18. Jahrhundert ein abenteuerliches Nachspiel, als sich Georg Schweitzer aus Kirchzarten der »Schweitzer-Jörg« als Schmuggler in den Ruinen und Felsen festsetzte. 

Noch erwartet Burg Wiesneck, die bedeutendste Altdreisamtäler Burg, den Besuch. Der Burgplatz am  vordersten Sproß des Kappenecks ist landschaftlich so ausgesucht und von solcher Schönheit und Umsicht, daß man sich keine bevorzugtere Prachtlage vorstellen kann. Strategische Bedeutung wird dem Burghügel  nachgesagt, die Besatzung kontrollierte wohl unschwer  jeden Verkehr, der durchs Wagensteigtal und Falkensteigtal rollte. Die Wiesneck genießt eine wahrlich  gunstvolle Lage. 

Die Anzeichen für das Bestehen der Burg verlieren sich bald in der mittelalterlichen Vorzeit. Archäologische Fundstücke der Steinzeit und älteren Bronzezeit geben zwar Nachrichten von Dreisamtalmenschen, die  in der Nähe der Wiesneck lebten und jagten; keltische und römische Fundorte liegen nebenan, zumal die noch überraschungsträchtige Keltenburg Tarodunum. Eine Burg entsteht dennoch vor den forschenden Augen erst im Mittelalter ums Jahr 1100. Ein Graf Adalbert von Haigerloch wird als Wiesnecker ausgemacht, die Vogteirechte über den Besitz St.Gallens im Kirchzartner Bann haben das Geschlecht von außen ins Dreisamtal gezogen; nun waren die Wiesnecker bestrebt, sich über weiteren Rechtserwerb und Landzuwachs in der Gegend heimisch zu machen. Die Identität der Grafen von Haigerloch und Wiesneck wurde sogar erst in jüngeren Forschungen zuverlässig ergründet; die Grafenfamilie der Wiesnecker starb schon 1162 aus, an ihre Stelle trat im Erbgang ein Familienzweig der Zollerngrafen, die sich ab 1170 Grafen von Hohenberg nannten. Die Hohenberger übernahmen die Hinterlassenschaft der  Wiesnecker und reihten auch den Klosterstifter St.Märgens, Bruno von Haigerloch, mit der Namensform Graf Bruno von Höhenberg in ihreTradition ein.    

Mit dem Zähringer Zuzug im 11. Jahrhundert schlittert Burg Wiesneck in eine schlimme Krise. Daß die Wiesneck ın eine schlimme Krise. Daß die Wiesnecker den Neuzudringlingen abhold waren und dem Zähringer Expansionswillen argwöhnten, kann eigentlich nicht überraschen; dachten doch auch die Wiesnecker an den Ausbau eines »Dreisamtäler Hausgebiets«, eines eigenen, zusammenhängenden Schwarzwälder Territoriums, die Rivalität war somit offenkundig.

Eine andere Lesart sieht in den Dreisamtäler Hauskämpfen der Wiesnecker und Zähringer eher den Eklat  einer gegensätzlichen großpolitischen Parteiung im mittelalterlichen Investiturstreit »Hie Papsttreue -hie  Kaiserliche«; nach solcher Erwägung hat Zähringen 1121 die Konfrontation auf die Spitze getrieben und Burg Wiesneck als Hausgut eines Kaiserlichen zerstört. Kirchenhistoriker fanden allerdings, daß der Gedanke, die Klöster als »Wehrmacht« weltlicher Parteikämpfe zu werten, überstrapaziert wurde; »es gibt viele Beispiele eines gedeihlichen Zusammenwirkens der beiden Stifte St.Peter und St.Märgen.«

Wodurch also die Wiesnecker den Zähringern so entscheidend »in die Quere kamen, ist urkundlich nicht auszumachen. Der Investiturstreit, der die Zähringer sehr engagiert auf päpstliche Seite stellte, hatte seinen Höhepunkt überschritten, als die gewaltsame Enthebung Kaiser Heinrichs IV. durch seinen Sohn König Heinrich V. 1106 neue Machtakzente setzte. Auch die  Zähringerstürme mit der streitbaren Behauptung ihrer "Wahl zum Gegenherzog in Schwaben hatten sich um 1100 gelegt. Wohl spieltein allen diesen Parteiungen das  Kloster St.Gallen einen ernsthaften Widerpart gegen die Zähringer, Zähringen und St.Gallen scheinen in besonders hartnäckigen Gegensätzlichkeiten verfallen. 1086 war Berthold II. von Zähringen mit einem Kriegszug im Thurgau eingefallen und hatte St.Gallen genommen und geplündert; indessen besetzte Abt Ulrich von Eppenstein, Exponent der Kaiserlichen, im Jahr 1102 den Konstanzer Bischofstuhl des Zähringers Gebhard, Vorreiter der päpstlichen Partei, mit einem Gegenbischof. Ob sich der Zähringer Zerstörungszug gegen Burg Wiesneck, dem Sitz des St.Galler Vogts im  Dreisamtal, auf diesen Partei-, Haus- und Familienzwist stützen könnte, steht als Vermutung auf unsicheren  Füßen. Bleibt das Gespür eines eher lokalen »Revierkampfes«, einer Demonstration der neuen Dreisamtäler  Platzmacht gegen allzu offenkundige Ambitionen eines Rivalen. Herzog Berthold »zwang alle die von dem  "Brisgöw umb den Schwartzwald sitzende under sin herschafft«. Das Faktum bleibt; nur kurze Zeit nach der Gründung des Klosters St.Märgen sprechen Urkunden ohne weitere Schilderung des Vorfalls vom »zerstörten Schloß Wiesneck«.


Wiesneck1
Wiesneck2
Burg Wiesneck vor der Zerstörung im Jahre 1525
aus Eduard Schuster, »Die Burgen und Schlösser Badens« 1908
  Burg Wiesneck im Jahre 1620

Einige Generationen später verloren die Hohenberger ihr Interesse am Dreisamtäler Gut, das sie nicht hatten ausbauen können. Zu einem Stammschloß war Burg Wiesneck ohnehin nicht geworden, sie bleibt »Zweitwohnsitz« der Hohenberger Grafen. Burg Wiesneck  erlebte jedoch unter Graf Albrecht von Hohenberg ( (gestorben 1298) niveauvolle Tage; der Burgherr pflegte  die damals bedeutsame Kunst des Turnierreitens und die Freude des Minnesangs. Als heiteres Schlußbild der Hohenbergerzeit trägt die Erinnerung den Klang wundersamer Minne ins Dreisamtal. Wer möchte nicht unter den quälenden Burgtrümmern auch heute der minniglichen Zeit besondere Sympathie schenken?

Im Jahr 1293  veräußert Graf Albrecht von Hohenberg  seinen Besitz, »die burg und Herrschaft ze Wiesenecke im Zartental  und die vogteie über das Kloster ze sante Marienzelle mit lüthen und gütern, gerichten und rechten und gewohnheiten an holz und feld, an Aeckern, Reben und matten, an Wassern und Fischenzen«,  um gutes Geld an den Freiburger Kaufmann und Ritter Bernhard Turner; der Sog des Stadtpatriziats dringt weiter ins Dreisamtal vor. Die Turner hielten sich nur kurze 15 Jahre im neuen Besitz; 1318 geht die Burg Wiesneck in die Hand des größten und bedeutendsten Patrizierge “schlecht Freiburgs über, gerät an die Familie Snewlin,  »die Rotschilds des Breisgaus«. Die Snewlin verkörpern eine neue Dynastie von »Industrierittern«, die mit Geld umzugehen wußten. In konsequentem Kaufmannsinn waren sie gewillt, ihre Vogteiberechtigungen gegen St.Märgen auszuschöpfen, und sie gerieten über die  Rechtsausbeutung in Streit mit dem Augustiner-Chorherren-Stift, der Zweikampf prägt eine Dreisamtäler Epoche. 

Umfangreiches »Seelgut« St.Märgens war nach der Stiftungsurkunde und alter Überlieferung unvogtbarer  Besitz, von der Vogtei ausgenommen, was die Wiesnecker Snewlin so nicht gelten ließen. Ein Schiedsspruch Freiburger Amtsträger entschied parteilich, die städtischen Honoratioren waren gegenüber den Snewlins schon nicht mehr unvoreingenommen. Auf Grund päpstlichen Schutzrechts kassierte Papst Johannes XXII. den Freiburger Spruch. Da versuchten es die Wiesnecker mit Faustrecht und Gewalt; die Vögte vertrieben die Mönche, nahmen deren Habe, schunden die Klosterleute, so daß das Feld unbebaut verwilderte; St.Märgen verfiel, 

»in der Kirche wucherte im Chor um den Hochaltar das Unkraut dicht empor, und Spinnen, Kröten und Nattern fanden darin ihr Nest.«  Nach kurzem Einlenken verlegte sich die zweite Snewlin - Generation darauf, ihre Position durch einen erpressten Vertrag zu sichern. Der junge Snewlin nahm den St.Märgener Abt mit drei weiteren Kanonikern gefangen und führte ihn nach Wiesneck in Verwahr. So  wurde die Burg zum Gefängnis, das der Abt erst nach  —Abschwören jedes Widerstandes verlassen durfte.  Papst Klemens VI. entband die Bedrängten des Eids und belegte seinerseits Johann Snewlin, den Sohn des schon im Kirchenbanne verstorbenen Johannes Snewlin, mit dem Bann.
"Alle Sonntage verlasen die Pfarrer den Bannbrief von der Kanzel, da kroch Herr Johann zu Kreuzes„
schildert Josef Bader den Wiesnecker »Krimi«, Ein neues Schiedsgericht brachte 1348 kurzzeitig Streitstillstand. Dann wagte Johann Snewlin das Äußerste. Seine Mannen überfielen Abt Konrad von St.Märgen an der Straßenabzweigung talaufwärts von Ebnet und erschlugen ihn. An jener Stelle unter den vier Linden stand bis ins vorige Jahrhundert die St.Annakapelle, an die das jüngst renovierte Kruzifix erinnert. Der Abtmord markiert den absoluten Tiefstpunkt der Auseinandersetzung - wenn er so tatsächlich geschehen ist. Der sorgsame Kirchenhistoriker Wolfgang Müller sieht gewisse
Zweifel an der überlieferten Ungeheuerlichkeit. Das Kloster St.Märgen hat seine innere Ordnung in dieser Streitepoche völlig verloren. 1385 nur 4 Jahrzehnte nach dem Prälatenmord von Ebnet wird Abt Berthold im eigenen Konvent ermordet. Schon orientiert sich das Kloster durch eine Union mit der Freiburger Augustiner-Chorherren-Niederlassung Allerheiligen zur Stadt hin; selbst die Annahme der Obervogtei Österreichs bringt St.Märgen keine geruhsame Entwicklung. Als die Snewlin Burg Wiesneck und die zugehörige Vogtei über St.Märgen an das Freiburger Geschlecht von Blumeneck verkaufen, setzt sich der Streit auch mit den neuen Vögten fort.1401 wird Abt Johannes von den Blumeneckern bei Merdingen ergriffen und ermordet.

Dieser Zweikampf ist für das Dreisamtal nicht allein eine handfeste Rechtsstreitigkeit zweier Kontrahenten; die Streithähne teilen sich immerhin die Territorialherrschaft eines großen Gebiets, und es will fast verwundern, wie in diesen 170 unsäglichen Klosterjahren zuträgliche Lebensbedingungen im Tal, eine geordnete Rechtssetzung mit den Dingrodeln des 14. Jahrhunderts, eine funktionierende Rechtsprechung mit den jährlichen Meiergerichten geschaffen wurden.   

Wiesneck-Grundriss
Die Burgruine Wiesneck (Grundriß) im Jahre 1899    
Zeichnung von C.H. Baer aus »Die Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden« von 1904 

1430 brannte zu allem das Kloster St.Märgen ab und blieb in seinen Trümmern liegen. 1450 kam die halbe Burg Wiesneck mit den Vogteirechten über St. Märgen  an einen neuen Ast der Familie Snewlin zur zurück; nachdem sich sogleich auch der alte Streit wieder « einstellte, räumte St.Märgen das Feld. 1462 verlegte der Abt den Konvent endgültig nach Freiburg in das mit St.Märgen bereits unierte Stadtkloster Allerheiligen und verkaufte das gesamte Gründungsgut des Klosters, 
»den ı Dinghof zu Zarten, das Gut Birkenreute, den Hof zu Burg, den Hof zu Attental, zu Wagensteig, das Tal des Erlenbachs«,
»alles, so wir zuo Sant Märyen und im Zartental oberhalb dem nüen Graben ob Freiburg gelegen und zu Bernhoupten gehept haben«,  insgesamt 80 Höfe, 90 Erblehen und 300 Juchert Wald für 4800 rheinische Goldgulden an die Stadt Freiburg. Ausgenommen blieb nur die Kirche in St.Märgen und eine geringe Ausstattung für die pfarrliche Seelsorge. 

Freiburg brachte es fertig, im gleichen Jahr auch die Vogtei und die Gerichtsrechte zu Zarten, zu Geroldstal und Wittental, Schweigbrunnen und Wagensteig von Hans Snewlin von Landeck zu Wiesneck zu erwerben. Durch die beiden folgenbedeutsamen Schritte gelangte die Stadt in den Besitz eines großen Dreisamtäler Territoriums und wurde 1462/63 für annähernd 350 Jahre "zum wichtigsten Talherrn. Der Landesmacht ( Österreich kam die wirkungsvolle Umlandpolitik Freiburgs recht ungelegen und sie zögerte bis zum Reichstag von 1497, die Erwerbungen gutzuheißen.

Das Kloster St.Märgen und die Burg Wiesneck lösten  so nach 344jähriger Schicksalsverkettung ihre geschichtlichen Bindungen. Zunächst blieb die Burg "Wiesneck in den Händen der Freiburger Familie Snewlin von Landeck zu Wiesneck. 1489 unterstellen sich die  Wiesnecker der Österreichischen Oberhoheit, Erzherzog Sigmund gibt die Burgherrschaft als Lehen an Junker David Snewlin zurück; das Dreisamtal rechnet diesen Burgherrn zu den farbigsten Persönlichkeiten Geschichtslaufs. 

Da überzieht der Bauernkrieg das Tal. Schon 1524 lassen sich Aufrührerscharen an der Falkensteig blicken. »Es steht wild, seltsam und sorglich da oben«, konnte man nach den Plünderungen und Gewaltakten von Stühlingen, St.Blasien und dem Hegau hören. Am Dreisamtalkamm verliefen sich die Scharen nochmals, St.Trudpert geriet in den Strudel. Im Frühjahr 1525 wurde es ernst. Die Schwarzwälder Haufen zogen ins Dreisamtal und verbrüderten sich mit den Bauern gegen die Herren im Tal und gegen die Stadt Freiburg. Den Talbauern wird später die Schuld am Scherbenhaufen angelastet: man fand, daß »des Davids von Landecks Untertanen heftig darauf dringen, den Haufen in das Breisgau zu bewegen«, und folgerte, »wo die unsern nit gewesen, wär Hans Müller mit seinem Hauffen nit ab dem Wald herabgezogen.« 

Über die Höhen von St.Märgen und St. Peter kam der Aufruhr wie flammende Lava herabgeströmt, er glühte sich Schneisen des Sengens und Brennens auf dem Weg ins Tal. Durch schmeichelndes Taktieren und herrenge'mäße Bewirtung retteten sich die Klöster St.Peter und  "St.Märgen auf die bäuerliche Gesinnungsseite; beim Eintreffen im Dreisamtal warfen sich gleich die ersten     126  igsten Persönlichkeiten seines.  der Aufrührer auf Schloß Wiesneck, »stürmten’s, gewannen’s, plünderten’s und verbrannten’s auf Sonntag Cantate, den 14. Mai«. Die soziale Rechtfertigung des Bauernaufruhrs, die N otwehrlage des Bauernstands umschreibt die Sage vom Untergang der Burg Wiesneck: 
»Der letzte Wiesnecker sah einst den Markenbauern unweit des Schlosses mit einem prächtigen Gespann sein Feld pflügen, und sogleich war die Habgier des Ritters geweckt. In eigener Person befahl er dem Bauern,
seine Pferde auszuspannen. Demütig bat ihn dieser darauf, er möge ihn nur noch bis zum Ende des Ackers fahren lassen; die Bitte wurde ihm arglos gewährt und der Ritter begleitete das Gespann bis zur bezeichneten Stelle. Dort ergriff der Markenbauer seinen Karst und erschlug den Wiesnecker. So soll das Raubnest herrenlos geworden und dann von den Bauern zerstört worden sein. Heute noch sucht man nach den verborgenen Waffen und Schätzen«.

Bauernhaufen
Kachel
Bauernscharen vor Burg Wiesneck 1525 Illustration aus der Zeitschrift »Schau-in’s-Land« von 1876 Grün-, gelb und braunglasierte Gesimskachel aus dem Schutt der Ruine Wiesneck. Ende des 15. Jahrhunderts aus »Schau-in’s-Land«, 1883

Der Zug der Bauernmacht richtete sich vornehmlich gegen Freiburg, »denn hier fänden Fürsten, Prälaten und Adel mit Leib und Gut ihre Zuflucht, und keine Stadt sei heftiger gegen die Bauern«. Der Kampf um Freiburg geriet zum Mittelpunkt des Bauernkriegs am Oberrhein. Wie in einer Sternfahrt trafen sich 12.000 Bauern von allen Seiten, der »Aufmarsch ist ein strategisches Meisterstück«. Die Talbauern sind heftig an dieser Unternehmung beteiligt. Des Ulrich Kindhansen Sohn aus Burg gesteht später vor seiner Hinrichtung, er habe den Bauern geraten, geholfen und sie unterwiesen, wie sie schießen sollten. Das Kartäuserkloster fällt beim Vormarsch in die Hände der Bauern, die es wie zahlreiche andere Schlösser und Güter der Umgebung plündern  und zerstören. Überraschend schnell gelingt es der Bauernschar, auf dem Schloßberg Fuß zu fassen. Von oben her beschießen und überrumpeln sie die Stadt. Sie hätten »wellen den Kilchenthurn alhie dem zu Kilchzarten glich machen«, gesteht Ulrich Kindhansens Sohn; offensichtlich wurde der Münsterturm auch getroffen, wenn auch die Nachricht, »daß der Helm des Münsters herabgeschleudert wurde«, allzu großspuriger Überschätzung entspringt. Am 23.5.1525 öffnete sich die. erschreckte Stadt Freiburg den Bauern und schloß eine »christliche Vereinigung" mit den Rebellen.- Eine Brandschatzung wird vorwiegend von den geflüchteten Prälaten und Adligen zur Sicherung ihrer Güter auf dem Lande bezahlt. Schien die Einnahme Freiburgs ein Sieg, so verschlechterte sich das Befinden der Bauern ohne kriegerische Niederlage durch die Zerschlagung der Bauernmacht bei Bergzabern, Weinsberg und Frankenhausen; die zunächst verzagten Herrschaften gewannen die Oberhand. Markgraf Philipp von Baden bemühte  sich im Bunde einiger oberrheinischer Städte um eine nachsichtigere und gewaltmildere Konfliktlösung. Österreich setzte jedoch auf harten Kampf, und Freiburg, das sich am 17.7. von seinem Bruderschaftseid los sagte, ließ sich zu einem wahren Strafgericht im Dreisamtal verleiten. 600 gedungene Knechte überzogen in zaglosem Züchtigungszug das Tal, die Stadt hat »etliche der Buben mit dem Schwert richten lassen, etlich vierteilet und die übrigen, so die minder schuld getragen, aus dem Land verwiesen«. 

Selbst die Nachbarstädte Straßburg, Basel, Breisach und Offenburg verwandten sich eindringlich für die Talbauernschaft; dennoch richtete die Stadt in fast alttestamentlichem Vorgehen »Zahn um Zahn« »Hof um Burg«; unnachsichtig wurden, wie der Denkmalpfleger Franz Meckes im neuesten »Schaubild des Schwarzwaldhofs im Dreisamtal« dartut, 
»viele der alten Heidenhäuser im großen Bauernkrieg des Jahres 1525 durch eine Freiburger Exekutionsmannschaft vernichtet.« 

Auch der Pfarrer von Kirchzarten, Ulricus Wesinger, wird der Machenschaften mit den Bauern bezichtigt und vertrieben. Auf Ungnad mußten sich auch hier die Bauern der Österreichischen Hoheit wieder unterwerfen, neue Treueide schwören und die Verdammnis zu Schadensersatz und Strafgeldern hinnehmen. Die Rädelsführer blieben von jeder Amnestie ausgeschlossen, es begann eine Zeit der Bauernhetze und Menschenjagd. Der sog. zweite Offenburger Vertrag geriet zum "Unterjochungsdiktat. Die Herrschaften, auch die Talherren des Dreisamtals, die Stadt Freiburg, das Kartäuserkloster, das Kloster St.Peter, das Kloster St.Märgen, die Wiesnecker und alle übrigen bezifferten ihren Schaden auf vieltausend Gulden. Ein eigenes Häuserverzeichnis gab Aufschluß über die festgesetzte »Straf für Brand- und Plünderungsschatzung«. Die Liste gibt anschauliche Hinweise auf den Zustand der Ortschaften, in denen zum Teil kein Anwesen unbeschädigt blieb. So steht das Resumee: Zuerst ruinierten die Bauernscharen, dann die Freiburger das Tal. 

Die Regierung von Ensisheim gab fürsorglich ein abschreckendes Beispiel gegen neue Aufruhr mit der Hinrichtung vieler Rädelsführer; unter ihnen waren auch Hans Mentz, Hauptmann im Kirchzartner Tal, Lenz Seger aus Ebnet, Hans Walch und der jung Peter Frey »aus  „denen von Freiburg« gefaßt worden. 

Burg Wiesneck trug längere Zeit die Brandspuren jener Bauernrevolution. Die Burgherren hausten wohl eine zeitlang in Freiburg und auf Schloß Falkenbühl bevor sie das Schloß um die Jahre 1600-1620 wiederaufbauten. Eine Gemäldetafel der Schloßkapelle von Schloß Weiler, ein Bild des Kirchenpatrons St.Sebastian, übermittelt die einzige Ansicht der Burg Wiesneck vor ihrem Untergang im Bauernkrieg. 

Beinahe wäre Burg Wiesneck noch in einen zweiten Bauernkrieg geraten. Wegen des "Bösen Pfennigs", einer Sondersteuer, gärte es am Hochrhein und Aufmüpfigkeit ergriff 1613 die Spirzenbauern und die um den Turner. Am Benediktswäldchen in der Nähe des Turners formierte sich eine Verschwörung, die Anzettler zählten auf Unterstützung von Buchenbach, von Ibental, von Waldau, dem Jostal und der weiteren Umgebung; Sankt Peter wollte man überrumpeln, Weiler, Birkenreute, Kirchzarten und Ebnet ausplündern, in Villingen das schwere Geschütz erbeuten und gegen Freiburg ziehen, »um die vielen Studenten, welche alles verteuern, aus der Stadt zu treiben«. Noch ehe der Stichtag heran war, kam der freiburgische Talvogt den Dingen auf die Spur. Der Aufwiegler Martin Heizmann, Knecht des Spirzenbauern Wolf Schwer, entkam, wurde geschnappt, nach St.Peter ausgeliefert, unter Folter verhört und 1613 enthauptet. »Es hätte leicht auch anders ausgehen können auf dem St.Peterschen und Freiburgischen Schwarzwald«, kommentiert Josef Bader die »Trinkwassenverschwörung am Stüble beim Turner«. 

Burg Wiesneck entstand nach den bauernkriegischen Zerstörungen erneut für kurze Zeit zur beachteten Burg. Mit der letzten Seite des Geschichtsbuchs erscheint nochmals eine neue Wiesnecker Herrschaft. Friedrich von Sickingen, der Enkel des bekannten Reichsritterführers Franz von Sickingen, heiratet über die Hochzeit mit Anna Snewlin von Landeck 1568 zugleich in den "Dreisamtäler Besitz »an und auf dem Schwarzwald« ein. Der 30jährige Krieg macht der Burg jedoch unwiederbringlich den Garaus. In den Stunden der ungeheuerlichen Schlacht zwischen den Armeen Frankreichs und er kaiserlich-bayerischen Heermacht von 1644 vor Freiburg wird Burg Wiesneck von einem französischen Kommmando zerschlagen. 

Burg Wiesneck hat ihre Dreisamtäler Geschichte damit beendet. Wer den ganz im Wald versteckten Burgplatz sucht und sich im Schloßareal umsieht, wird sich in den geringen Mauerresten kaum zurecht finden. Schon das Verzeichnis der Kunstdenkmäler von Baden resigniert: 
»Auch über den ehemaligen Zweck der wenigen noch vorhandenen Mauerreste etwas Bestimmtes zu sagen ist nicht möglich.« 

Nach allen Nachforschungen bestand die bedeutendste Burg des Dreisamtals aus einem mächtigen, von Zinnen gekrönten Hauptturm, an den sich ein bescheidenes Wohngebäude anschloß. Die Anlage war mit einer Ringmauer mit Schießscharten und Wehrgang umgeben. Schemenhafte Mauerreste und eine einzelne Ruinenwand des Hochturms markieren heute, 300 Jahre nach der Zerstörung, die Burg in museumshaften Relikten. Die umliegenden Ortschaften nahmen die verlassenen Mauern gerne zum Steinbruch, drunten beim Gasthaus Himmelreich schmückt sich die Zehntscheuer des 16. Jahrhunderts auf ihrer nördlichen Giebelseite mit mehreren, künstlerisch behauenen, gotischen Fenstergewänden. Man vermutet, daß sie der ehemaligen Burg Wiesneck entstammen. Rudolf Geiger, der Redakteur der Wiesnecker Geschichtsbriefe, macht auf weitere kunstgewerblich ansehnliche Fenstersteine von Burg Wiesneck im früheren Kornhaus, der heutigen Kapelle beim Sanatorium Wiesneck, aufmerksam. Erwähnung verdienen auch einige versprungene Ofenkacheln, die ebenso als Beweisstücke künstlerischer Handwerksfertigkeit gelten. Es sind Fragmente eines hellgrün glasierten, runden Ofens, die Ornamente zeigen in plastischer Gestalt einen schildhaltenden Engel sowie Fabel- und  Wappentiere. Schließlich bewahrt das Wiesnecker Archiv eine Kanonenkugel des 30jährigen Kriegs, letzte Erinnerung an eine der bedeutungsvollsten Burgen des Dreisämtals. 

Es liegt nahe, nochmals im Sagenbuch zu blättern. Talerzählungen wissen von verborgenen Schätzen und geheimnisvollen Zeichen. Hellen Tags läßt sich zu Wiesneck ein Burgfräulein sehen, gleich einem hellen Lichtstreifen, der mitten auf dem Gemäuer steht oder das Gebüsch durchdringt. Niemandem tut die Erscheinung etwas zuleide; wer sich aber in böser Absicht nähert, den umschlingt unversehens das Dorngebüsch so fest, daß er schier nicht mehr herauskommt, daß er in unerklärlicher Angst, blutend an Händen und im Gesicht, mit zerrissenen Kleidern entflieht und sich noch unterhalb des Turms vom herabbröckelnden Mauerwerk bedroht fühlt. Zu einem Hirtenjungen, der sich als Einzelgänger nahe der Burg aufhielt, fand das Burgfräulein ihr Zutrauen. Mit Gesten zeigte sie ihm eine Stelle, wo sich Silbermünzen im Gemäuer verbargen. Dem jungen Freund blieb die Geistergunst so lange gewogen, bis  er entgegen der auferlegten Verschwiegenheit plauderte. Seitdem hat sich die Burgjungfrau nicht mehr gezeigt, und der Spuk verwischte ihm jede Erinnerung an Ort und Stelle des Schatzgrabs. Ein Hort der Wiesnecker soll andererseits in den Schanzen bei Höfen verborgen gewesen sein; Männer, die ihn gefunden hatten, wurden jedoch von Getöse und Gerumpel und einem schneeweißen Hahn erschreckt und ließen ab - niemand konnte seitdem den Spukschatz erlösen. Gegen aufdringliches, eigensüchtiges Ausgraben ihres Reichtums weiß sich Burg Wiesneck zu wehren. Drei Schatzgräber, unter ihnen der Knecht, der den armen Hirtenjungen zum Ausplaudern gezwungen hatte, versuchten geradezu systematisch mit Wünschelrutengang, mit Tiefgrabungen, mit Zauberformeln, Beschwörungen und Hokuspokus an die Verborgenheit der Burgschätze heranzukommen. Ein Windstoß narrte sie, löschte ihre Laterne, dann aber donnerte furchtbares Brüllen in ihre Ohren, und sie sahen die zottigen Tatzen des Höllenhundes, der sie mit feuersprühenden Radaugen anglotzte. Anderntags fand man die Abenteurer bewußtlos in den Trümmern der Burg, zwei von ihnen waren tot, den dritten hatte dumpfer Wahnsinn gepackt. So mag es ratsam sein, von allzu tiefem Schürfen und Umgraben in Wiesnecks Vergangenheit abzusehen.

Die Burgen des Dreisamtals, von denen dieses Kapitel handelt, sind eingestürzt, verfallen, zur Unkenntlichkeit zerbrochen. Die Wilde Schneeburg wurde 1315 erobert, Burg Falkensteig 1390 ausgehoben, Schloß Wiesneck 1525 durchgeschüttelt und 1644 zerstört. Die Befestigung auf dem Freiburger Schloßberg ward 1744 als letzte der Dreisamtalburgen geschleift. Aber nicht nur die Burgen, auch die Geschlechter und Familien, die sie einst gründeten und besiedelten, sind vergangen. Abt Ignaz Speckle, selbst der letzte einer Reihe von 56 Äbten des abgegangenen Klosters St.Peter, hatte ein feines Gespür für die Lebensänderungen, die einen Umbruch der Jahrhunderte bedeuten. 1802 notierte er beim Todesfall des vorletzten Familienmitglieds aus dem Geschlecht der Snewlin:
 »Unser Kloster hatte ehedessen unaufhörlich Kämpfe mit den Herren Snewlin; nun seien beede Parteien ihrem Ende nahe!« 
So verrinnt das Leben in die Geschichte.   

Aus: Hans Konrad Schneider Fritz Röhrl 
Zauberisches Dreisamtal
Lieblingstal im Schwarzwald 
Verlag Karl Schillinger Freiburg im Breisgau,
1983