Ranken um Ritter und Ruinen
Burg Wiesneck und das Dreisamtäler
Burgenland
Um 1495 schuf
der Prior der »Dreisamtäler« Kartause, Gregor Reisch, die erste
Enzyklopädie des menschlichen Wissens, die Marguerita
philosophica. Die Illustration zum Kapitel »Regen« zeigt eine
Stadtansicht von Freiburg mit dem Blick ins Dreisamtal, eine
Vogelschau über die Dächer der Stadt ins Talland. Dort
präsentieren sich die Kartause, Wirkungsstätte Reischs, und die
Wasserburg Kirchzarten. Das Tal ist durch die Attribute Kloster
und Burg geprägt.
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Freiburg
und das Dreisamtal |
Das
Dreisamtal als Burgenland anzusprechen überrascht vielleicht
selbst Kenner. Nirgendwo im Talrund finden sich ansehnliche
Trutztürme oder zeitgezeichnete Mauerzinnen, die auch nur
annähernd ein Burgenklima erspüren ließen. Die genaue, unbeirrte
Nachsuche erhellt Unerwartetes: 16 Schlösser bzw. Burgplätze hat
Eduard Schuster, der sorgfältigste Erkunder badischer
Burgen, in seinem Inventar von 1908 aufgereiht.
Der
Talbewunderer, der auf dem Freiburger Schloßberghügel den
klassischen Dreisamtalblick auf sich wirken läßt, steht bereits
auf einem Burgplatz, auf dem sich einst eine der schönsten
Festungen in Deutschen Landen erhob. Gleich vis-a-vis auf der
Gegenhöhe des Kybfelsens stand im Mittelalter eine zweite,
bedeutende Talriegelbefestigung; sie gilt als eine der
höchstangelegten Höhenburgen und damit als Sonderling ihrer
Zeit.
Wenn der
Dreisamtalwanderer sodann in das Talbecken vorstößt, kommt er
nach kurzer Wegstrecke hinter Ebnet an den weiten Talmund von
Wittental; kaum vermutet er hier eine Burgstelle, den alten
Standort von Burg Falkenbühl. Das Wirtschild »Zum Falken« gibt
vielleicht den direktesten Hinweis; die unerklärbare gewanngroße
Erhöhung mitten im Wiesengrund bleibt unzugänglich-schweigsam.
»Von der Burg ist in der Geschichte nicht viel zu finden«,
lautet der Kurzbescheid Eduard Schusters, andere Alterwähnungen
widmen der früheren Rebenpflanzung am Burghügel mehr
Aufmerksamkeit als den »spärlichen Überresten der Burg«. In der
Ortsgeschichte von Stegen wird ein Junker Conradt von Falkenbühl
genannt, eine andere Urkunde sichert »den Burgfrieden in dem
Schloß zu Falkenbühel«. Eine Verbindung derer von Falkenbühl zu
den Herrn von Falkenstein gilt als sicher; die Falkensteiner,
Lehensmänner der Zähringer, erbauten anfangs des 12.
Jahrhunderts ihre Felsenburg im Höllental; nach gängiger Annahme
hatten sie ihren Wohnsitz zuvor nördlich von Zarten am
Gebirgsrand. Die Lage des Burghügels Falkenbühl paßt nach
umsichtigen Prüfungen vorzüg|ich zu einem Adelssitz im
Altsiedlungsland. Andere Deutungen knüpfen an die
Wortverwandtschaft »Falkenbühl« und »Falkenstein« an, Fragen
bleiben auch hier offen.
Bei solcher
Unwegbarkeit verwundert nicht, daß sich manche Sagen um Ritter
und Ruinen ranken. Spuklichter erscheinen den Vorbeiwandernden
zur Nacht, Gesichter tauchen aus dem Nichts, die sich in
Brandfackeln verwandeln und in Gebrause und Getöse mit
dem Nachklang versinkenden Geldes verflüchtigen. Als ein
Hirtenjunge unweit des Bankenbrunnens Wertstücke, die ein Schaf
erscharrte, an sich nahm, stellt sich alsbald der Schatzhüter,
ein Jäger — oder Ritter? -, der einen glänzenden Schild
von Kupfer trägt, neben den kleinen Landstörer und droht mit
bösen Gebärden. Späteres Nachgraben erbrachte kein Geld,
förderte nur »wertlosen« Erzstaub zutage.
Bei solchem
Erkundungsstand bleibt vage, wie man sich Burg Falkenbühl
vorstellen darf. Eine frühe Schilderung zeichnet einen Wohnturm,
»einen starken Geviertturm, daneben eine Kapelle und
wahrscheinlich etwas Stallung, von einer Ringmauer mit Graben in ovaler Form
umzogen, so daß auf der Vorderseite ein kleiner Vorhof
gebildet wurde«.
»Aufgebaut
und abgerissen, das ist alles, was wir wissen« ist ein alter
Liedvers, der solche Burgenrätsel treffend beschreibt.
»Aufgebaut und abgerissen« bleibt auch für Burg Falkenbühl
offensichtlich das einzig Verläßliche des in die Zeittiefen
versunkenen Lebenslaufs.
Noch vager,
noch ungewisser sind die Nachrichten über Burg Neufalkenstein.
Adolf Poinsignon belegt die Burg aus dem Archivgut. »Walther von
der nüwen Valckenstein zu Capelle« verkauft das Gut Kappel
an die Freiburger Kommende des Deutschen Ordens. Josef
Bader will die Burg nahe der unteren Gemarkungsgrenze
Kirchzartens am linken Ufer des Krummbachs geortet haben, dort,
woin den meisten topographischen Karten die Bezeichnung
»ehemaliges Schloß« eingetragen iSt.Ein rätselvoller Gewanname
»Klösterle« kommt hinzu. Immerhin gibt es einfühlsame
Geländebeobachtungen:
»An der
Stelle, wo das ehemalige Schloß gestanden haben soll, erhebt
sich in einem Kreis von 50 Schritten Durchmesser der Rasenboden
etwa 1 m hoch aus der weiten Mattenebene. Das von diesem Ring
eingeschlossene Terrain ist vertieft und von gleichem Niveau wie
das außerhalb des Rings liegende Gelände. Der Platz wäre gut
gewählt für eine Burg, denn er bildet den höchsten Punkt der
weiten Talfläche zwischen den beiden alten Straßen von Freiburg
nach der Falkensteig und nach dem Oberrieder Tal. Der Weiher,
der etwa die Burg umgab, fand reichliche Speisung aus einem hart
nebenan vorbeifließenden Seitenarm des während des ganzen Jahrs
nie trocken liegenden Krummbachs.«
Weitere
Dreisamtalburgen hüllen sich in den dichten Nebel
geschichtlicher Unzulänglichkeit. Am Galgenbühl bei Burg ist
selbst in neuesten Wanderkarten der Hinweis »ehemalige
Brandenburg« vermerkt. Eduard Schuster beteuert bereits 1908,
»daß davon keine Spur zu finden ist«. Poinsignon beschreibt
dagegen vor rund 100 Jahren »auf dem Köpfle« vor dem Galgenbühl
erkennbare Fundamentmauern eines ehemaligen Turmes und berichtet
vom Hörensagen weiterer Mauerreste auf dem nördlich
anschließenden Bergkegel. Er sieht jedoch selbst gewichtige
Zweifel:
»Für beide Bauten kenne ich keine urkundlichen Belege, die
Benennung »Brandenburg« beruht auf keinen geschichtlichen
Unterlagen, da es eine Burg Brandenburg in dieser Gegend
niemals gegeben hat.
Offenbar
steht die Benennung in Beziehung mit der sagenhaften Stadt
Brandenburg, welche die nimmerruhende Fantasie des Volkes erst
in unserem Jahrhundert, als die gelehrten Hypothesen von
Tarodunum unverstanden zu ihm drangen, eigens errichtet hat. Der
Name Brandenburg, der vor 80 Jahren noch ganz unbekannt in
unserer Gegend war, ist durch Vereinigung der beiden
Hofgemarkungen Brand« und »Burg« erst in der Mitte unseres
Jahrhunderts im Kirchzartner Tal aufgekommen.«
Noch haben
die Burgenforscher nichts entschieden; Andeutungen reichen vom
Römertum bis zum vermuteten Stammsitz der Herren von Weiler, die
im »Rotolus Sanpetrinus« genannt werden. Das Resumee einer
Besichtigung von 1936 bleibt vage:
»Heute ist noch eine deutlich sichtbare Burganlage zu erkennen
mit künstlich eingeschnittenem Graben und oben auf dem Kegel
eine viereckige Anlage von 4-5 m im Geviert. Auf der einige
Minuten entfernter und höher liegenden Kuppe läßt sich wohl auch
eine alte Burganlage vermuten, doch bestimmte Anhaltspunkte sind
nicht mehr zu erkennen. Der Fernblick von diesem Punkt ist
allerdings einzigartig.«
Wieder
schallt das Lied über den Burghügel: »Aufgebaut und abgerissen,
das ist alles, was wir wissen!«
Nicht zu
lokalisieren sind die in Berainen und Dingrodel erwähnten Burgen
von Dietenbach und Wittelsbach. Das Inventar der badischen
Kunstdenkmäler vermutet auch in Oberried einen weiteren
Burgplatz, ohne Anhaltspunkte zu geben. In St.Wilhelm sind
Gebäudereste neben dem vorderen Meierhof verbürgt; sie gelten
als Burgsitz des Herrn von Thengen oder entstammen dem ersten
Klosterbau des Wilhelmitenklosters aus dem 13. Jahrhundert.
Bekannt ist, daß die Wilhelmiten im 30jährigen Krieg ihre
Habseligkeiten, Wertsachen und Urkunden in einen festen Turm in
St.Wilhelm flüchteten, ihr Hab und Gut aber dennoch verloren,
weil Verräter den versteckten Platz den Schweden
preisgaben.
Von anderen
Burgen und Schlössern berichtet die Sage. In der Bergrippe
zwischen Höllental und Zastlertal liegen die Höhen Roteck und
Schwarzeck nicht weit voneinander, beides sagenumwobene
Burgstellen.
Noch
grausamer und verruchter als andere Schänder zeichnet die
Überlieferung den letzten Burgherren von Roteck. Er soll in
frevlerischer Quällust die Dorfbewohner aus dem Tal in seine
uneinnehmbare Feste hoch über Felsen geladen haben, um sie
nach prunkender Bewirtung auf einer kleinen Außenkanzel, als
»Rosengarten« verschönt, am gähen Absturz auszusetzen. Die
Qualen des Hungerns wogen die Angst vor dem sicheren Absturz
über den Felsenschroffen in den darunterliegenden See auf;
lebend kam so oder so keiner der Gäste davon. Eines Tages aber
schwang sich ein nach gleicher heuchlerischer Art verköstigter
und dann in den Rosengarten verstoßener Bursche wagemutig über
die Felsen hinweg, noch ehe der Hunger seine Kräfte verzehrt
hätte. Er stürzte in den See, versank und wurde von einem
wohlgesonnenen Wassergeist ans Ufer getragen; dieser riet ihm,
sich zu verbergen, bis daß er mit Horden auftauchender Reiter
das Schloß werde rächend zerstören können. Innert 14 Tagen
erschienen die fremden Ritter und erstürmten mit übersinnlichen
Kräften das Schloß und zerstörten es zur Unkenntlichkeit. Der
Burgherr selbst stürzte sich über den Rosengarten hinab. Da
wurden Schloß und Garten und See von der Erde verschlungen, und
auch die Ritter verschwanden wieder. Selbst das vom Unhold
befreite Dorf ist inzwischen versunken. Flache Seen und
Feuchtstellen gab es nach alten Karten noch lange bei Oberried,
und vielleicht haben Ortsbezeichnungen wie »Schloßfelsen« im
Zastlertal und »Kasteleck« am Weilersbacher Taleingang das Spiel
der Fantasie beflügelt.
Auf der
Gegenseite des Rotecks gegen das Höllental stößt der Wanderer
nahe der Bildtanne völlig überraschend auf verbröckelte Steine,
auf einen Haufen versteckter Trümmer. Hier stand allerdings kein
Schloß, sondern ein ehemals besuchter kleiner Wallfahrtsort, die
Kapelle Schwarzeck. Sie soll an die Errettung eines Kindes
erinnern, das sich hoch oben oberhalb des Schulterdobels
verlaufen hatte und 3 Tage und 3 Nächte unter einem Felsen
aushielt, wo es jeden Morgen von einer weißbekleideten Frau
besucht und mit Essen versorgt wurde. Die Bauern der Umgebung
sollen noch 1880 treulich versprochen haben, die Kapelle wieder
aufzubauen. Von einer Burgstelle am Schwarzeck ist nichts zu
finden.
Nicht alle
Dreisamtäler Burgen und Schlösser sind so wenig zugänglich. Das
barocke Herrenhaus Ebnet erklärt seine Baugeschichte freimütig,
und der Gebäudekomplex der Kartause, die zuletzt den
Adelsfamilien von Baden und von Türckheim als Wohnschloß diente,
sperrt sich nicht gegen aushorchend tiefe Blicke der
Talhistoriker.
Das
ansehnliche Wasserschloß der Talvogtei Kirchzarten fällt
besonders von Freiburg her dem Besucher ins Auge, ein eckiger,
dreigeschossiger Bau in Hufeisenform, von schmucklosem Stil und
massig-monumentalen Proportionen. Selbst auf der Schauseite
bleibt das Gemäuer mit seinen bescheidenen Fensterflächen
verschlossen und abgekehrt. Im Innenhof steht als einzige Zierde
ein achteckiger Treppenturm mit der rhythmisch spannungsvollen
Gliederung der schrägen Fenstergewänder im Takt des
aufsteigenden Spindels. Die Wassergräben um das Schloß, schon
auf der Talansicht Gregor Reischs von 1495 hervorgehoben, sind
längst verschüttet und nicht mehr zu erkennen. Der Türsturz am
Treppenturm bietet mit der Jahreszahl 1621 historische Hilfe,
ein Wappenpaar Österreich-Freiburg deutet Größeres an. Der
historische Zutrag über das Gebäude
beginnt sogar schon im 13. Jahrhundert mit Nachrichten eines
Burgsitzes verschiedener Ortsherren von Kirchzarten, unter ihnen
der Familie von Falkenstein. Das scheinheilig-schlichte
Talschloß verdient jedoch histotische Aufmerksamkeit als
Amtssitz des stadtfreiburgischen Talvogts, als städtischer
Verwaltungskopf im Dreisamtal in den Jahren 1497 bis 1806.
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| Die Talvogtei in Kirchzarten Federzeichnung von F. Lederle (1887) |
Ein weiteres,
nach dem Verfall des Ringgrabens fast unkenntliches Wasserschloß
verbirgt sich im Schloßgut Birkenreute in der kleinen
Talbucht zwischen Giersberg und St.Johannisberg. Schloß Weiler
zählt ebenso zu den unscheinbaren Herrensitzen des Dreisamtals
mit dem zurückgezogenen Auftreten einer wohlhabenden Parkvilla.
Volkskunde
und Sagenwelt beschäftigen sich umso lieber mit den
Felsenhorsten, den schaurigen Burgruinen von Burg Falkenstein im
Höllental oder der Wilden Schneeburg im hinteren Bruggatal
oberhalb Oberried. "Der karge, gänzlich verrottete Ruinenrest
Falkensteins bietet vielfachen Stoff für großartige
Geschichten der mittelalterlichen Lehens- und Lebenskrisen des
Ritterstandes. Als »feurige Männer« umziehen die Ritter nach der
Sage um Mitternacht das Schloß, den »Schauplatz ihrer
Verbrechen«. Der Ausblick von den Zinnen des Burgfelsens bietet
eine raubvogelmäßige Sicht auf das quirrlige »Menschenklein« im
Talgrund; das Ruinenfeld ist über die Jahrhunderte zu
Geschichtsstaub zerfallen. Vom Dichter Johann Georg Jacobi
stammen die versonnenen Verse eines romantischen Burgreims:
»Da, wo die stolze Burg, verheeret,
auf kahl gewordnem Felsen steht, ...
Und auf zerbrochner Zinne, wild,
Der Geier seinen Raub verzehret,
Da kehrten einst die Freuden häuslich ein.
Ihre Zinnen sind zerfallen
Und der Wind streicht durch die Hallen! ...«
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| Der Schneeberger Hof mit der Ruine der Wilden
Schneeburg Kreidelithographie von F. Lederle (1884) |
Nur rund 500
m talabwärts befand sich auf gleich schwindelerregender
Felsenhöhe eine zweite Burgstelle, die Trümmer verraten
allerdings bescheidenere Ausmaße. Hier befand sich eine Vorburg
von Burg Falkenstein, ein Wachtturm, Bubenstein genannt, der mit
der benachbarten Hauptburg in enger Beziehung stand und deren
Schicksal teilte. Die exponierte Steillage direkt oberhalb der
Höllenschlucht läßt auch heute noch die Bedeutung der alten
Paßbefestigung ahnen, die spärlichen Überreste geben jedoch
keinen Anhalt mehr vom wehrhaften Anblick der Doppelburg
Falkenstein und Bubenstein.
Ein anderer
»Abenteurerstreifen« schildert Stolz und Sturz der Wilden
Schneeburg im Oberrieder Tal bruggauafwärts nahe St.Wilhelm.
»Räuberschloß«, »Räuberfelsen« heißt eine Felsnadel oberhalb des
Schneeberger Hofs, schon der Name regt zu allerlei Fantasien an.
An dieser das Tal abriegelnden Engstelle mag im 13. Jahrhundert
zur Hut des Bergbaus und zur Überwachung des »Silberwegs« von
Todtnau und dem Schauinsland nach Freiburg eine Schutzburg
entstanden sein. »Einsam und wildschön« wird die Lage
geschildert, aber niemand würde die Burg nach Augenschein
finden, gäbe es nicht die handfesten Beweise wie die Urkunde von
1302, die »die neue und wilde Schneeburg« bezeugt. Vermutungen
suchen die Burggründer im Kreis der Freiburger Patrizierfamilie
Snewlin, aber selbst neuere Forschungen haben das Dunkel kaum
erhellt. Die Burg stand bald im Besitz einer Familie Kolmann,
ein Geschlecht, das zu Unrecht längere Zeit zum Stamm der
Snewlin gerechnet wurde. Die »Pseudo-Snewlin« Kolmann waren die
»Eisen- und Kohlenbarone« des Dreisamtals. Allerlei Querelen
zwischen den Rittern und den Mönchen des Klosters St.Wilhelm
deuten sich an; mit verkehrt herum aufgenagelten Hufeisen sollen
die »Schlaumeier« des Klosters mitunter die Schneeberger Ritter
getäuscht haben; tatsächlich umgingen die Mönche wohl
gelegentlich den Talweg, der an der Wilden Schneeburg
vorbeiführte, auf einem Schleichpfad über die Höhen des
Ochsenlägers, der dann auch später noch »Pfaffenweg« genannt
wurde.
Ernsthafte
Kontroversen sind 1300-1315 zwischen der Familie Kolmann und der
Stadt Freiburg belegt. Die Schneeberger geraten ins Zwielicht,
als sie Bürger von Offenburg und Gegenbach abfingen und
einkerkerten. Der Fall wird durch eidliche Versöhnung, Urfehde,
bereinigt. Aber schon 1314 bildet sich eine neue Großallianz
breisgauischer Adliger, unter ihnen Graf Konrad von Freiburg,
mit den Bürgern der Stadt gegen die Kolmann-Brüder von der
Wilden Schneeburg. Als einer der beiden in städtische Gewalt
fällt, preßt ihn der andere durch Geiselnahme Freiburger
Kaufleute frei. Ein nochmalig geschlossener Friede hält nicht.
1315 rotten sich die Freiburger aus irgend einem Anlaß zusammen,
ziehen ins Bruggatal und nehmen die Wilde Schneeburg ein, wobei
ein Verteidiger tödlich verletzt wird. Sagen schmücken den
Vorfall aus: Eine Magd soll durch Zeichen verraten haben, daß
die Herren genüßlich bei Tisch säßen und daher Gegenwehr nicht
zu erwarten wäre. Der »Auslöser« des Exekutionsgangs blieb
dunkel. Die Freiburger aber haben sich mit ihrem spontanen
Handstreich offensichtlich in flagrantes Unrecht gesetzt, ein
Schiedsspruch verurteilt sie, den verwüsteten Besitz zum
unversehrten Wert zu übernehmen; selbst der Verlust des Knechts
und das erbeutete Gut sind in der Entschädigung zu
berücksichtigen. Die schöne Mär vom »Raubritterunwesen« der
Kolmann zerrinnt damit in ihren Hauptanklagepunkten. Das
Augenmerk richtet sich vielmehr auf die neuartige Erscheinung
einer aggressiven städtischen Umlandpolitik. Mutmaßungen einiger
Dreisamtalforscher suchen den wahren Grund des Zwists in
kleinkrämerischen Umgehungen des städtischen Durchgangszolls und
im neuen Herrschaftsstreben der Stadt. Für Freiburg war der
teure Entschädigungsfall seltsamerweise kein »schlechtes
Geschäft«, sondern der Anstoß für den Zusammenkauf eines ganzen
Territoriums, zum Erwerb der Herrschaftsgebiete des Klosters
St.Märgen und des Kirchzartner Banns. Die Wilde Schneeburg hat
bei jener Zerstörung vom Jahr 1315 außer wenigen
mörtelverbackenen Mauersteinen nichts Sichtbares hinterlassen.
Die Erzählungen von Raubrittertum und Wegelagerei fanden im 18.
Jahrhundert ein abenteuerliches Nachspiel, als sich Georg
Schweitzer aus Kirchzarten der »Schweitzer-Jörg« als Schmuggler
in den Ruinen und Felsen festsetzte.
Noch erwartet
Burg Wiesneck, die bedeutendste Altdreisamtäler Burg, den
Besuch. Der Burgplatz am vordersten Sproß des Kappenecks
ist landschaftlich so ausgesucht und von solcher Schönheit und
Umsicht, daß man sich keine bevorzugtere Prachtlage vorstellen
kann. Strategische Bedeutung wird dem Burghügel
nachgesagt, die Besatzung kontrollierte wohl unschwer
jeden Verkehr, der durchs Wagensteigtal und Falkensteigtal
rollte. Die Wiesneck genießt eine wahrlich gunstvolle
Lage.
Die Anzeichen
für das Bestehen der Burg verlieren sich bald in der
mittelalterlichen Vorzeit. Archäologische Fundstücke der
Steinzeit und älteren Bronzezeit geben zwar Nachrichten von
Dreisamtalmenschen, die in der Nähe der Wiesneck lebten
und jagten; keltische und römische Fundorte liegen nebenan,
zumal die noch überraschungsträchtige Keltenburg Tarodunum. Eine
Burg entsteht dennoch vor den forschenden Augen erst im
Mittelalter ums Jahr 1100. Ein Graf Adalbert von Haigerloch wird
als Wiesnecker ausgemacht, die Vogteirechte über den Besitz
St.Gallens im Kirchzartner Bann haben das Geschlecht von außen
ins Dreisamtal gezogen; nun waren die Wiesnecker bestrebt, sich
über weiteren Rechtserwerb und Landzuwachs in der Gegend
heimisch zu machen. Die Identität der Grafen von Haigerloch und
Wiesneck wurde sogar erst in jüngeren Forschungen zuverlässig
ergründet; die Grafenfamilie der Wiesnecker starb schon 1162
aus, an ihre Stelle trat im Erbgang ein Familienzweig der
Zollerngrafen, die sich ab 1170 Grafen von Hohenberg nannten.
Die Hohenberger übernahmen die Hinterlassenschaft der
Wiesnecker und reihten auch den Klosterstifter St.Märgens, Bruno
von Haigerloch, mit der Namensform Graf Bruno von Höhenberg in
ihreTradition ein.
Mit dem Zähringer Zuzug im 11. Jahrhundert schlittert Burg Wiesneck in eine schlimme Krise. Daß die Wiesneck ın eine schlimme Krise. Daß die Wiesnecker den Neuzudringlingen abhold waren und dem Zähringer Expansionswillen argwöhnten, kann eigentlich nicht überraschen; dachten doch auch die Wiesnecker an den Ausbau eines »Dreisamtäler Hausgebiets«, eines eigenen, zusammenhängenden Schwarzwälder Territoriums, die Rivalität war somit offenkundig.
Eine andere
Lesart sieht in den Dreisamtäler Hauskämpfen der Wiesnecker und
Zähringer eher den Eklat einer gegensätzlichen
großpolitischen Parteiung im mittelalterlichen Investiturstreit
»Hie Papsttreue -hie Kaiserliche«; nach solcher Erwägung hat
Zähringen 1121 die Konfrontation auf die Spitze getrieben und
Burg Wiesneck als Hausgut eines Kaiserlichen zerstört.
Kirchenhistoriker fanden allerdings, daß der Gedanke, die
Klöster als »Wehrmacht« weltlicher Parteikämpfe zu werten,
überstrapaziert wurde; »es gibt viele Beispiele eines
gedeihlichen Zusammenwirkens der beiden Stifte St.Peter und
St.Märgen.«
Wodurch also die
Wiesnecker den Zähringern so entscheidend »in die Quere kamen,
ist urkundlich nicht auszumachen. Der Investiturstreit,
der die Zähringer sehr engagiert auf päpstliche Seite
stellte, hatte seinen Höhepunkt überschritten, als die
gewaltsame Enthebung Kaiser Heinrichs IV. durch seinen Sohn
König Heinrich V. 1106 neue Machtakzente setzte. Auch
die Zähringerstürme mit der streitbaren Behauptung
ihrer "Wahl zum Gegenherzog in Schwaben hatten sich um 1100
gelegt. Wohl spieltein allen diesen Parteiungen das
Kloster St.Gallen einen ernsthaften Widerpart gegen die
Zähringer, Zähringen und St.Gallen scheinen in besonders
hartnäckigen Gegensätzlichkeiten verfallen. 1086 war
Berthold II. von Zähringen mit einem Kriegszug im Thurgau
eingefallen und hatte St.Gallen genommen und geplündert;
indessen besetzte Abt Ulrich von Eppenstein, Exponent der
Kaiserlichen, im Jahr 1102 den Konstanzer Bischofstuhl des
Zähringers Gebhard, Vorreiter der päpstlichen Partei, mit
einem Gegenbischof. Ob sich der Zähringer Zerstörungszug gegen Burg Wiesneck,
dem Sitz des St.Galler Vogts im Dreisamtal, auf diesen
Partei-, Haus- und Familienzwist stützen könnte, steht als
Vermutung auf unsicheren Füßen. Bleibt das Gespür eines
eher lokalen »Revierkampfes«, einer Demonstration der neuen
Dreisamtäler Platzmacht gegen allzu offenkundige
Ambitionen eines Rivalen. Herzog Berthold »zwang alle die von
dem "Brisgöw umb den Schwartzwald sitzende under sin
herschafft«. Das Faktum bleibt; nur kurze Zeit nach der Gründung
des Klosters St.Märgen sprechen Urkunden ohne weitere
Schilderung des Vorfalls vom »zerstörten Schloß Wiesneck«.
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| Burg Wiesneck vor der Zerstörung im Jahre
1525 aus Eduard Schuster, »Die Burgen und Schlösser Badens« 1908 |
Burg Wiesneck im Jahre 1620 |
Einige
Generationen später verloren die Hohenberger ihr Interesse am
Dreisamtäler Gut, das sie nicht hatten ausbauen können. Zu einem
Stammschloß war Burg Wiesneck ohnehin nicht geworden, sie bleibt
»Zweitwohnsitz« der Hohenberger Grafen. Burg Wiesneck
erlebte jedoch unter Graf Albrecht von Hohenberg ( (gestorben
1298) niveauvolle Tage; der Burgherr pflegte die damals
bedeutsame Kunst des Turnierreitens und die Freude des
Minnesangs. Als heiteres Schlußbild der Hohenbergerzeit trägt
die Erinnerung den Klang wundersamer Minne ins Dreisamtal. Wer
möchte nicht unter den quälenden Burgtrümmern auch heute der
minniglichen Zeit besondere Sympathie schenken?
Im Jahr
1293 veräußert Graf Albrecht von Hohenberg seinen
Besitz, »die burg und Herrschaft ze Wiesenecke im
Zartental und die vogteie über das Kloster ze sante
Marienzelle mit lüthen und gütern, gerichten und rechten und
gewohnheiten an holz und feld, an Aeckern, Reben und matten, an
Wassern und Fischenzen«, um gutes Geld an den Freiburger
Kaufmann und Ritter Bernhard Turner; der Sog des Stadtpatriziats
dringt weiter ins Dreisamtal vor. Die Turner hielten sich nur
kurze 15 Jahre im neuen Besitz; 1318 geht die Burg Wiesneck in
die Hand des größten und bedeutendsten Patrizierge “schlecht
Freiburgs über, gerät an die Familie Snewlin, »die
Rotschilds des Breisgaus«. Die Snewlin verkörpern eine neue
Dynastie von »Industrierittern«, die mit Geld umzugehen wußten.
In konsequentem Kaufmannsinn waren sie gewillt, ihre
Vogteiberechtigungen gegen St.Märgen auszuschöpfen, und sie
gerieten über die Rechtsausbeutung in Streit mit dem
Augustiner-Chorherren-Stift, der Zweikampf prägt eine
Dreisamtäler Epoche.
Umfangreiches
»Seelgut« St.Märgens war nach der Stiftungsurkunde und alter
Überlieferung unvogtbarer Besitz, von der Vogtei
ausgenommen, was die Wiesnecker Snewlin so nicht gelten ließen.
Ein Schiedsspruch Freiburger Amtsträger entschied parteilich,
die städtischen Honoratioren waren gegenüber den Snewlins schon
nicht mehr unvoreingenommen. Auf Grund päpstlichen Schutzrechts
kassierte Papst Johannes XXII. den Freiburger Spruch. Da
versuchten es die Wiesnecker mit Faustrecht und Gewalt; die
Vögte vertrieben die Mönche, nahmen deren Habe, schunden die
Klosterleute, so daß das Feld unbebaut verwilderte; St.Märgen
verfiel,
»in der
Kirche wucherte im Chor um den Hochaltar das Unkraut dicht
empor, und Spinnen, Kröten und Nattern fanden darin ihr
Nest.« Nach kurzem Einlenken verlegte sich die zweite
Snewlin - Generation darauf, ihre Position durch einen
erpressten Vertrag zu sichern. Der junge Snewlin nahm den
St.Märgener Abt mit drei weiteren Kanonikern gefangen und führte
ihn nach Wiesneck in Verwahr. So wurde die Burg zum
Gefängnis, das der Abt erst nach —Abschwören jedes
Widerstandes verlassen durfte. Papst Klemens VI. entband
die Bedrängten des Eids und belegte seinerseits Johann Snewlin,
den Sohn des schon im Kirchenbanne verstorbenen Johannes
Snewlin, mit dem Bann.
"Alle Sonntage verlasen die Pfarrer den Bannbrief von der
Kanzel, da kroch Herr Johann zu Kreuzes„
schildert Josef Bader den Wiesnecker »Krimi«, Ein neues
Schiedsgericht brachte 1348 kurzzeitig Streitstillstand. Dann
wagte Johann Snewlin das Äußerste. Seine Mannen überfielen Abt
Konrad von St.Märgen an der Straßenabzweigung talaufwärts von
Ebnet und erschlugen ihn. An jener Stelle unter den vier Linden
stand bis ins vorige Jahrhundert die St.Annakapelle, an die das
jüngst renovierte Kruzifix erinnert. Der Abtmord markiert den
absoluten Tiefstpunkt der Auseinandersetzung - wenn er so
tatsächlich geschehen ist. Der sorgsame Kirchenhistoriker
Wolfgang Müller sieht gewisse Zweifel an der
überlieferten Ungeheuerlichkeit. Das Kloster St.Märgen hat
seine innere Ordnung in dieser Streitepoche völlig verloren.
1385 nur 4 Jahrzehnte nach dem Prälatenmord von Ebnet wird Abt
Berthold im eigenen Konvent ermordet. Schon orientiert sich
das Kloster durch eine Union mit der Freiburger
Augustiner-Chorherren-Niederlassung Allerheiligen zur Stadt
hin; selbst die Annahme der Obervogtei Österreichs bringt
St.Märgen keine geruhsame Entwicklung. Als die Snewlin Burg
Wiesneck und die zugehörige Vogtei über St.Märgen an das
Freiburger Geschlecht von Blumeneck verkaufen, setzt sich der
Streit auch mit den neuen Vögten fort.1401 wird Abt Johannes
von den Blumeneckern bei Merdingen ergriffen und ermordet.
Dieser
Zweikampf ist für das Dreisamtal nicht allein eine handfeste
Rechtsstreitigkeit zweier Kontrahenten; die Streithähne teilen
sich immerhin die Territorialherrschaft eines großen Gebiets,
und es will fast verwundern, wie in diesen 170 unsäglichen
Klosterjahren zuträgliche Lebensbedingungen im Tal, eine
geordnete Rechtssetzung mit den Dingrodeln des 14. Jahrhunderts,
eine funktionierende Rechtsprechung mit den jährlichen
Meiergerichten geschaffen wurden.
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| Die Burgruine Wiesneck (Grundriß) im Jahre
1899 Zeichnung von C.H. Baer aus »Die Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden« von 1904 |
1430 brannte
zu allem das Kloster St.Märgen ab und blieb in seinen Trümmern
liegen. 1450 kam die halbe Burg Wiesneck mit den Vogteirechten
über St. Märgen an einen neuen Ast der Familie Snewlin zur
zurück; nachdem sich sogleich auch der alte Streit wieder «
einstellte, räumte St.Märgen das Feld. 1462 verlegte der Abt den
Konvent endgültig nach Freiburg in das mit St.Märgen bereits
unierte Stadtkloster Allerheiligen und verkaufte das gesamte
Gründungsgut des Klosters,
»den ı Dinghof zu Zarten, das Gut Birkenreute, den Hof zu Burg,
den Hof zu Attental, zu Wagensteig, das Tal des Erlenbachs«,
»alles, so wir zuo Sant Märyen und im Zartental oberhalb dem
nüen Graben ob Freiburg gelegen und zu Bernhoupten gehept
haben«, insgesamt 80 Höfe, 90 Erblehen und 300 Juchert
Wald für 4800 rheinische Goldgulden an die Stadt Freiburg.
Ausgenommen blieb nur die Kirche in St.Märgen und eine geringe
Ausstattung für die pfarrliche Seelsorge.
Freiburg
brachte es fertig, im gleichen Jahr auch die Vogtei und die
Gerichtsrechte zu Zarten, zu Geroldstal und Wittental,
Schweigbrunnen und Wagensteig von Hans Snewlin von Landeck zu
Wiesneck zu erwerben. Durch die beiden folgenbedeutsamen
Schritte gelangte die Stadt in den Besitz eines großen
Dreisamtäler Territoriums und wurde 1462/63 für annähernd 350
Jahre "zum wichtigsten Talherrn. Der Landesmacht ( Österreich
kam die wirkungsvolle Umlandpolitik Freiburgs recht ungelegen
und sie zögerte bis zum Reichstag von 1497, die Erwerbungen
gutzuheißen.
Das Kloster
St.Märgen und die Burg Wiesneck lösten so nach 344jähriger
Schicksalsverkettung ihre geschichtlichen Bindungen. Zunächst
blieb die Burg "Wiesneck in den Händen der Freiburger Familie
Snewlin von Landeck zu Wiesneck. 1489 unterstellen sich
die Wiesnecker der Österreichischen Oberhoheit, Erzherzog
Sigmund gibt die Burgherrschaft als Lehen an Junker David
Snewlin zurück; das Dreisamtal rechnet diesen Burgherrn zu den
farbigsten Persönlichkeiten Geschichtslaufs.
Da überzieht
der Bauernkrieg das Tal. Schon 1524 lassen sich Aufrührerscharen
an der Falkensteig blicken. »Es steht wild, seltsam und sorglich
da oben«, konnte man nach den Plünderungen und Gewaltakten von
Stühlingen, St.Blasien und dem Hegau hören. Am Dreisamtalkamm
verliefen sich die Scharen nochmals, St.Trudpert geriet in den
Strudel. Im Frühjahr 1525 wurde es ernst. Die Schwarzwälder
Haufen zogen ins Dreisamtal und verbrüderten sich mit den Bauern
gegen die Herren im Tal und gegen die Stadt Freiburg. Den
Talbauern wird später die Schuld am Scherbenhaufen angelastet:
man fand, daß »des Davids von Landecks Untertanen heftig darauf
dringen, den Haufen in das Breisgau zu bewegen«, und folgerte,
»wo die unsern nit gewesen, wär Hans Müller mit seinem Hauffen
nit ab dem Wald herabgezogen.«
Über die Höhen von
St.Märgen und St. Peter kam der Aufruhr wie flammende Lava
herabgeströmt, er glühte sich Schneisen des Sengens und Brennens
auf dem Weg ins Tal. Durch schmeichelndes Taktieren und
herrenge'mäße Bewirtung retteten sich die Klöster St.Peter
und "St.Märgen auf die bäuerliche Gesinnungsseite; beim
Eintreffen im Dreisamtal warfen sich gleich die
ersten 126 igsten Persönlichkeiten
seines. der Aufrührer auf Schloß Wiesneck, »stürmten’s,
gewannen’s, plünderten’s und verbrannten’s auf Sonntag Cantate,
den 14. Mai«. Die soziale Rechtfertigung des Bauernaufruhrs, die
N otwehrlage des Bauernstands umschreibt die Sage vom Untergang
der Burg Wiesneck:
»Der letzte Wiesnecker sah einst den Markenbauern unweit des
Schlosses mit einem prächtigen Gespann sein Feld pflügen, und
sogleich war die Habgier des Ritters geweckt. In eigener Person
befahl er dem Bauern, seine Pferde auszuspannen. Demütig bat ihn dieser
darauf, er möge ihn nur noch bis zum Ende des Ackers fahren
lassen; die Bitte wurde ihm arglos gewährt und der Ritter
begleitete das Gespann bis zur bezeichneten Stelle. Dort
ergriff der Markenbauer seinen Karst und erschlug den
Wiesnecker. So soll das Raubnest herrenlos geworden und dann
von den Bauern zerstört worden sein. Heute noch sucht man nach
den verborgenen Waffen und Schätzen«.
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| Bauernscharen vor Burg Wiesneck 1525 Illustration aus der Zeitschrift »Schau-in’s-Land« von 1876 | Grün-, gelb und braunglasierte Gesimskachel aus dem Schutt der Ruine Wiesneck. Ende des 15. Jahrhunderts aus »Schau-in’s-Land«, 1883 |
Der Zug der
Bauernmacht richtete sich vornehmlich gegen Freiburg, »denn hier
fänden Fürsten, Prälaten und Adel mit Leib und Gut ihre
Zuflucht, und keine Stadt sei heftiger gegen die Bauern«. Der
Kampf um Freiburg geriet zum Mittelpunkt des Bauernkriegs am
Oberrhein. Wie in einer Sternfahrt trafen sich 12.000 Bauern von
allen Seiten, der »Aufmarsch ist ein strategisches
Meisterstück«. Die Talbauern sind heftig an dieser Unternehmung
beteiligt. Des Ulrich Kindhansen Sohn aus Burg gesteht später
vor seiner Hinrichtung, er habe den Bauern geraten, geholfen und
sie unterwiesen, wie sie schießen sollten. Das Kartäuserkloster
fällt beim Vormarsch in die Hände der Bauern, die es wie
zahlreiche andere Schlösser und Güter der Umgebung
plündern und zerstören. Überraschend schnell gelingt es
der Bauernschar, auf dem Schloßberg Fuß zu fassen. Von oben her
beschießen und überrumpeln sie die Stadt. Sie hätten »wellen den
Kilchenthurn alhie dem zu Kilchzarten glich machen«, gesteht
Ulrich Kindhansens Sohn; offensichtlich wurde der Münsterturm
auch getroffen, wenn auch die Nachricht, »daß der Helm des
Münsters herabgeschleudert wurde«, allzu großspuriger
Überschätzung entspringt. Am 23.5.1525 öffnete sich die.
erschreckte Stadt Freiburg den Bauern und schloß eine
»christliche Vereinigung" mit den Rebellen.- Eine Brandschatzung
wird vorwiegend von den geflüchteten Prälaten und Adligen zur
Sicherung ihrer Güter auf dem Lande bezahlt. Schien die Einnahme
Freiburgs ein Sieg, so verschlechterte sich das Befinden der
Bauern ohne kriegerische Niederlage durch die Zerschlagung der
Bauernmacht bei Bergzabern, Weinsberg und Frankenhausen; die
zunächst verzagten Herrschaften gewannen die Oberhand. Markgraf
Philipp von Baden bemühte sich im Bunde einiger
oberrheinischer Städte um eine nachsichtigere und gewaltmildere
Konfliktlösung. Österreich setzte jedoch auf harten Kampf, und
Freiburg, das sich am 17.7. von seinem Bruderschaftseid los
sagte, ließ sich zu einem wahren Strafgericht im Dreisamtal
verleiten. 600 gedungene Knechte überzogen in zaglosem
Züchtigungszug das Tal, die Stadt hat »etliche der Buben mit dem
Schwert richten lassen, etlich vierteilet und die übrigen, so
die minder schuld getragen, aus dem Land verwiesen«.
Selbst die
Nachbarstädte Straßburg, Basel, Breisach und Offenburg
verwandten sich eindringlich für die Talbauernschaft; dennoch
richtete die Stadt in fast alttestamentlichem Vorgehen »Zahn um
Zahn« »Hof um Burg«; unnachsichtig wurden, wie der
Denkmalpfleger Franz Meckes im neuesten »Schaubild des
Schwarzwaldhofs im Dreisamtal« dartut,
»viele der alten Heidenhäuser im großen Bauernkrieg des Jahres
1525 durch eine Freiburger Exekutionsmannschaft
vernichtet.«
Auch der
Pfarrer von Kirchzarten, Ulricus Wesinger, wird der
Machenschaften mit den Bauern bezichtigt und vertrieben. Auf
Ungnad mußten sich auch hier die Bauern der Österreichischen
Hoheit wieder unterwerfen, neue Treueide schwören und die
Verdammnis zu Schadensersatz und Strafgeldern hinnehmen. Die
Rädelsführer blieben von jeder Amnestie ausgeschlossen, es
begann eine Zeit der Bauernhetze und Menschenjagd. Der sog.
zweite Offenburger Vertrag geriet zum "Unterjochungsdiktat. Die
Herrschaften, auch die Talherren des Dreisamtals, die Stadt
Freiburg, das Kartäuserkloster, das Kloster St.Peter, das
Kloster St.Märgen, die Wiesnecker und alle übrigen bezifferten
ihren Schaden auf vieltausend Gulden. Ein eigenes
Häuserverzeichnis gab Aufschluß über die festgesetzte »Straf für
Brand- und Plünderungsschatzung«. Die Liste gibt anschauliche
Hinweise auf den Zustand der Ortschaften, in denen zum Teil kein
Anwesen unbeschädigt blieb. So steht das Resumee: Zuerst
ruinierten die Bauernscharen, dann die Freiburger das Tal.
Die Regierung
von Ensisheim gab fürsorglich ein abschreckendes Beispiel gegen
neue Aufruhr mit der Hinrichtung vieler Rädelsführer; unter
ihnen waren auch Hans Mentz, Hauptmann im Kirchzartner Tal, Lenz
Seger aus Ebnet, Hans Walch und der jung Peter Frey »aus
„denen von Freiburg« gefaßt worden.
Burg Wiesneck
trug längere Zeit die Brandspuren jener Bauernrevolution. Die
Burgherren hausten wohl eine zeitlang in Freiburg und auf Schloß
Falkenbühl bevor sie das Schloß um die Jahre 1600-1620
wiederaufbauten. Eine Gemäldetafel der Schloßkapelle von Schloß
Weiler, ein Bild des Kirchenpatrons St.Sebastian, übermittelt
die einzige Ansicht der Burg Wiesneck vor ihrem Untergang im
Bauernkrieg.
Beinahe wäre
Burg Wiesneck noch in einen zweiten Bauernkrieg geraten. Wegen
des "Bösen Pfennigs", einer Sondersteuer, gärte es am Hochrhein
und Aufmüpfigkeit ergriff 1613 die Spirzenbauern und die um den
Turner. Am Benediktswäldchen in der Nähe des Turners formierte
sich eine Verschwörung, die Anzettler zählten auf Unterstützung
von Buchenbach, von Ibental, von Waldau, dem Jostal und der
weiteren Umgebung; Sankt Peter wollte man überrumpeln, Weiler,
Birkenreute, Kirchzarten und Ebnet ausplündern, in Villingen das
schwere Geschütz erbeuten und gegen Freiburg ziehen, »um die
vielen Studenten, welche alles verteuern, aus der Stadt zu
treiben«. Noch ehe der Stichtag heran war, kam der freiburgische
Talvogt den Dingen auf die Spur. Der Aufwiegler Martin Heizmann,
Knecht des Spirzenbauern Wolf Schwer, entkam, wurde geschnappt,
nach St.Peter ausgeliefert, unter Folter verhört und 1613
enthauptet. »Es hätte leicht auch anders ausgehen können auf dem
St.Peterschen und Freiburgischen Schwarzwald«, kommentiert Josef
Bader die »Trinkwassenverschwörung am Stüble beim Turner«.
Burg Wiesneck
entstand nach den bauernkriegischen Zerstörungen erneut für
kurze Zeit zur beachteten Burg. Mit der letzten Seite des
Geschichtsbuchs erscheint nochmals eine neue Wiesnecker
Herrschaft. Friedrich von Sickingen, der Enkel des bekannten
Reichsritterführers Franz von Sickingen, heiratet über die
Hochzeit mit Anna Snewlin von Landeck 1568 zugleich in den
"Dreisamtäler Besitz »an und auf dem Schwarzwald« ein. Der
30jährige Krieg macht der Burg jedoch unwiederbringlich den
Garaus. In den Stunden der ungeheuerlichen Schlacht zwischen den
Armeen Frankreichs und er kaiserlich-bayerischen Heermacht von
1644 vor Freiburg wird Burg Wiesneck von einem französischen
Kommmando zerschlagen.